{"id":1084,"date":"2026-03-03T16:13:16","date_gmt":"2026-03-03T14:13:16","guid":{"rendered":"https:\/\/wildnistrip.de\/?p=1084"},"modified":"2026-03-05T11:12:32","modified_gmt":"2026-03-05T09:12:32","slug":"8-bis-ans-limit-und-darueber-hinaus","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/wildnistrip.de\/?p=1084","title":{"rendered":"8. Bis ans Limit und dar\u00fcber hinaus"},"content":{"rendered":"\n<p><strong>Umrundung des San Vacca<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Romain zieht es nach Norden, auch wenn ich nun wei\u00df, dass seine letzten Worte, ihm seien diese Gegend und diese Reise zu wild, aus schlechter Tagesform heraus ge\u00e4u\u00dfert wurden, so d\u00fcrfte darin grunds\u00e4tzlich doch etwas Wahres stecken. Auch wenn erst die H\u00e4lfte seiner Zeit vor\u00fcber ist, will er doch nur noch eine Tour am viel besuchten Cerro Castillo unternehmen ehe er nach Hause fliegt. Das bedeutet, dass die n\u00e4chste gemeinsame Wanderung bereits die letzte sein k\u00f6nnte, weshalb zumindest diese noch mal ein H\u00f6hepunkt werden sollte. Da ich noch damit z\u00f6gere, die Umrundung des Cerro San Vacca alleine anzugehen, wollen wir uns zumindest einmal die n\u00f6rdliche Seite des Berges ansehen, auch mit dem Ziel, dass ich mir \u00fcber meine Absichten klarer werden kann, um gegebenenfalls zur\u00fcckzukehren. Den Nachmittag verbringen wir zun\u00e4chst im vielleicht einzigen, aber unter Reisenden \u00e4u\u00dferst angesagten Kaffee in der Ortsmitte. Das St\u00fcck Kuchen f\u00fcr vier Euro g\u00f6nne ich mir eher nur, um meine leeren Akkus aufladen zu k\u00f6nnen und \u00fcber das WLAN nach Deutschland zu kommunizieren, um meine Anmeldungen f\u00fcr das kommende Semester zu regeln. Wir kommen mit einer Gruppe von Australierinnen ins Gespr\u00e4ch. Die vier sind mit Fahrr\u00e4dern auf der Carretera Austral unterwegs und f\u00fcr einen Moment h\u00e4ngen sich meine Gedanken an der Vorstellung auf, wie viel gem\u00fctlicher diese Art des Reisens w\u00e4re: Ohne kaputten Rucksack, stets in Gesellschaft, m\u00fchelos auf einer meist ebenen Stra\u00dfe durch die Berge dahinrollend.Am sp\u00e4ten Nachmittag wird das Wetter etwas stabiler und so verlassen wir Cochrane in Richtung S\u00fcden beladen nur mit Nahrungsmitteln f\u00fcr wenige Tage, wir wollen ja schlie\u00dflich nicht weit ab von der Zivilisation. Da die Chancen gering sind, zu dieser sp\u00e4ten Stunde noch einen Lift zu bekommen, bleiben wir gleich am Lago Esmeralda, den ich vom Hinweg als idyllische, tiefblaue, stille Wasserfl\u00e4che mit Sandstr\u00e4nden und baumbestandenen Ufern in Erinnerung hatte, die nun aber windgepeitscht, in sch\u00e4umenden Wellen \u00fcber den Uferbereich schwappt. Wir finden einen sch\u00f6nen Schlafplatz, doch angesichts der kalten Temperaturen verschwindet jeder schnell in seinem Zelt.Auch der kommende Morgen ist frisch. Eine gute Stunde stehen wir an der Stra\u00dfe, bis es f\u00fcr uns weitergeht, dann aber haben wir Gl\u00fcck und gelangen zwar langsam aber zielf\u00fchrend in einem klapprigen LKW an den Ausgangspunkt der Wanderung. Der Fahrer erz\u00e4hlt uns, dass das Wetter gar nicht so schlecht sei und es im Sommer meistens bew\u00f6lkt und regnerisch wie heute sei, die Hitzewellen der vergangenen Tage und die Trockenheit des gesamten Jahres seien au\u00dfergew\u00f6hnlich gewesen. Nach den ersten Metern zu Fu\u00df werden wir von Regenschauern eingeholt, marschieren, aber trotzdem entschlossen weiter. Als wir einen kleinen See passieren, bricht die Sonne hervor und wir legen Mittagsrast ein. Ein Wagen \u00fcberholt uns und f\u00e4hrt weiter auf der staubigen Stra\u00dfe hinauf. Meinen Versuch zu trampen, wimmelt Romain ab, es seien schlie\u00dflich nur 2 Stunden zu Fu\u00df. Mir, der ich heute das Handy ausgeschaltet habe, um Strom zu sparen und die Navigation dementsprechend abgegeben, f\u00e4llt die Kinnlade herunter. Das kann doch nicht sein: \u00fcber einen Fahrweg, bergauf, bei diesem Wetter, mit schweren Rucks\u00e4cken, die eigentliche Wanderung noch vor uns, zu Fu\u00df gehen, wenn es auch fahrend m\u00f6glich w\u00e4re? Mein stummes Fluchen wird erh\u00f6rt, 5 Minuten sp\u00e4ter kommt ein weiteres Fahrzeug und uns wird angeboten, uns bis an das Ende des Weges mitzunehmen. Ehe Romain widersprechen kann, nehme ich dankend an. Von der schaukeligen Pickup Ladefl\u00e4che ist das Fortkommen f\u00fcr mich unmittelbar deutlich genussvoller. Wir sind wieder tief in die Wildnis eingedrungen, auch wenn diese kleine touristische Enklave uns zumindest bisher die Einsamkeit verwehrt. Von den Tagen des schlechten Wetters sind hier alle Berge oberhalb von 1300 m tief verschneit. Auch der San Lorenzo h\u00e4lt sich in Wolken verborgen. Nur einen der m\u00e4chtigen Gletscher, den er entsendet, k\u00f6nnen wir erahnen zwischen Regen- und Schneeschauern. Da Romain seine Aufgabe der Navigation nicht meinen Vorstellungen gem\u00e4\u00df nachkommt, f\u00fchre ich uns an der Br\u00fccke vorbei durch eine Furt, sodass wir keinen Eintritt zahlen m\u00fcssen. Diesmal sch\u00f6pft er keinen Verdacht und der Friede zwischen uns bleibt gewahrt. Au\u00dferordentlich sch\u00f6n ist die Landschaft, die wir uns nun erwandern. \u00dcber den weiten T\u00e4lern zeigen sich einsame Berggipfel, die argentinische Grenze ist nahe, die Zivilisation hingegen fern. Mit Schrecken stellen wir fest, dass hinter uns eine 30 K\u00f6pfe gef\u00fchrte Wandergruppe aufgetaucht ist. So legen wir einen Zahn zu und behalten die Berge vorerst f\u00fcr uns. So leichtf\u00fc\u00dfig kommen wir auf dem guten Pfad voran, dass Romain die Idee \u00e4u\u00dfert, die Umrundung nun doch anzugehen. Ein wenig \u00fcberrascht bin ich davon, hatte er doch ganz klar erkl\u00e4rt, dass sie ihm zu schwierig sei, doch in meiner euphorischen Stimmung dar\u00fcber, das erste Mal seit El Chalten wieder richtig in den Bergen zu sein, verk\u00fcnde ich, dass wir dar\u00fcber nachdenken k\u00f6nnten, wenn wir gen\u00fcgend Lebensmittel haben. Augenblicke sp\u00e4ter bereue ich meine Worte. Nicht, dass ich liebend gern ein letztes gro\u00dfes Trekking mit Romain angehen w\u00fcrde, doch schon bei unserer abgebrochenen Gletschertour in El Chalten war mir klar geworden, dass er nicht gel\u00e4ndeg\u00e4ngig genug f\u00fcr diese Tour sein w\u00fcrde. Selbst wenn das Terrain leichter als erwartet w\u00e4re, so w\u00fcrden uns die Nahrungsmittel ausgehen, weil Romain im weglosen Gel\u00e4nde zu langsam w\u00e4re. Doch der Gedanke der Umrundung l\u00e4sst mich nicht mehr los. Alle Umst\u00e4nde weisen darauf hin, dass es jetzt oder nie sein wird: Mein gescheiterter Versuch, die aus Deutschland mitgebrachten Nahrungsmittel, die ich f\u00fcr diese Umrundung aufgespart habe, eine masochistische Schinderei brachialen Ausma\u00dfes, 2,5 Kilo \u00fcber einen Monat durch die Gegend zu schleppen, ohne sie zu nutzen, nur um 160 \u20ac zu sparen, am Campingplatz in Cochrane zu deponieren, dann der LKW-Fahrer, der uns erkl\u00e4rte, sch\u00f6nes Wetter sei hier selten, nicht zuletzt die Wettervorhersage f\u00fcr die n\u00e4chsten 14 Tage, dieses ist n\u00e4mlich das einzige vorhergesagte Wetter Fenster. Noch bevor wir am Agostini Camp ankommen, wei\u00df ich: Den f\u00fcr morgen geplanten Erkundungsgang werde ich mit Rucksack starten. Zur\u00fcckkehren kann ich immer noch, wenn diese aus n\u00f6rdlicher Richtung erste und schwierigste Etappe nicht m\u00f6glich ist.Romain unterdessen vollzieht, wie erwartet beim Anblick der verschneiten Flanke, die es am Folgetag zu ersteigen gelte, einen R\u00fcckzieher.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><a href=\"https:\/\/wildnistrip.de\/wp-content\/uploads\/2026\/03\/5983.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1024\" height=\"768\" src=\"https:\/\/wildnistrip.de\/wp-content\/uploads\/2026\/03\/5983-1024x768.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-1089\" srcset=\"https:\/\/wildnistrip.de\/wp-content\/uploads\/2026\/03\/5983-1024x768.jpg 1024w, https:\/\/wildnistrip.de\/wp-content\/uploads\/2026\/03\/5983-300x225.jpg 300w, https:\/\/wildnistrip.de\/wp-content\/uploads\/2026\/03\/5983-2000x1500.jpg 2000w, https:\/\/wildnistrip.de\/wp-content\/uploads\/2026\/03\/5983.jpg 2048w\" sizes=\"auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><\/a><\/figure>\n\n\n\n<p>Gro\u00dfz\u00fcgiger Weise tritt er mir einen Gro\u00dfteil seiner Nahrungsmittel ab. Das Camp ist sch\u00f6n gelegen, es gibt eine luxuri\u00f6s eingerichtete H\u00fctte, die wir aber meiden, denn die Gruppe trifft kurz nach uns ein. Romain z\u00fcndet ein Feuer an und trotz des fortw\u00e4hrenden Schneefalls, versuchen wir, uns einen sch\u00f6nen Abend zu machen. Wenn ich morgen weitergehe und seine Pl\u00e4ne sich nicht \u00e4ndern, k\u00f6nnte es der letzte der Reise sein. Durch zahlreiche Schwierigkeiten sind wir in den letzten drei Wochen gegangen und leider verstehe ich jetzt erst, dass ein Gro\u00dfteil der Spannungen zwischen uns darin bestand, dass wir nach unterschiedlichen Zielen strebten: Ich nach den Bergen, dem hochalpinen Gel\u00e4nde, der unber\u00fchrten Natur, Romain zwar auch ebenso, doch viel mehr danach, lange Strecken in sch\u00f6ner Umgebung \u00fcber gute Wege zu laufen. Eben dies ist in Patagonien nicht notwendigerweise im alpinen Terrain sondern viel h\u00e4ufiger nur dort m\u00f6glich, wo man fern der beeindruckenden Berge ist. Er w\u00fcnscht mir viel Gl\u00fcck f\u00fcr meine Tour, das kann ich brauchen. Ein wenig bedauern wir wohl beide, dass die gemeinsame Zeit f\u00fcr uns vermutlich zu Ende ist, aber keiner von uns w\u00e4re bereit, die eigenen Pl\u00e4ne aufzugeben und sie mit denen des anderen einzutauschen.In aller Fr\u00fche stehe ich auf, packe still mein Zelt zusammen, um niemanden aufzuwecken. <\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><a href=\"https:\/\/wildnistrip.de\/wp-content\/uploads\/2026\/03\/5986-1.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"768\" height=\"1024\" src=\"https:\/\/wildnistrip.de\/wp-content\/uploads\/2026\/03\/5986-1-768x1024.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-1090\" srcset=\"https:\/\/wildnistrip.de\/wp-content\/uploads\/2026\/03\/5986-1-768x1024.jpg 768w, https:\/\/wildnistrip.de\/wp-content\/uploads\/2026\/03\/5986-1-225x300.jpg 225w, https:\/\/wildnistrip.de\/wp-content\/uploads\/2026\/03\/5986-1.jpg 1536w\" sizes=\"auto, (max-width: 768px) 100vw, 768px\" \/><\/a><\/figure>\n\n\n\n<p>Das Wissen, wohin ich gehe, sollten nicht die falschen Personen erlangen. Bevor ich mit der Beschreibung des weiteren Weges fortfahre, muss ich den Cerro San Vacca genauer beschreiben, denn ansonsten kann man sich diesen Berg der Extreme, der selbst in dieser Gegend der extremen Berge nicht zu passen scheint, nicht vorstellen. In den s\u00fcdlichen Anden zwischen Puerto Montt und Feuerland gibt es eine klare topographische Regel: Die h\u00f6chsten Berge sind dem Pazifik zugewandt und Teil der Inlandeisfelder, dementsprechend dick mit Eis verkrustet, eher abgerundeten Charakters und schwer zu erreichen. Bekanntliche Ausnahme sind nat\u00fcrlich die Gipfel um El Chalten. Doch es gibt eine weitere Ausnahme, 400 km weiter n\u00f6rdlich, der Cerro San Vacca, zweith\u00f6chster Berg Patagoniens, der weder eine flache Eiskuppe besitzt noch zum ansonsten niederen, wenig spektakul\u00e4ren Fu\u00dfvolk der \u00f6stlichen Anden geh\u00f6rt, stattdessen ebenso von dichten W\u00e4ldern umringt \u00fcber gewaltige Seen und Gletscher emporstrebt. Damit \u00e4hnelt er ein wenig den 5000ern und 6000ern im n\u00f6rdlichen Argentinien, nur dass er sich nicht in der Atacama W\u00fcste befindet, sondern im niederschlagsreichen und waldigen Patagonien der mittleren Breiten. Er ist ein Berg, wie aus dem Bilderbuch: Von allen Seiten vergletschert, aber trotzdem mit gewaltigen Felspfeilern und W\u00e4nden besetzt. <\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><a href=\"https:\/\/wildnistrip.de\/wp-content\/uploads\/2026\/03\/5992.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1024\" height=\"768\" src=\"https:\/\/wildnistrip.de\/wp-content\/uploads\/2026\/03\/5992-1024x768.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-1091\" srcset=\"https:\/\/wildnistrip.de\/wp-content\/uploads\/2026\/03\/5992-1024x768.jpg 1024w, https:\/\/wildnistrip.de\/wp-content\/uploads\/2026\/03\/5992-300x225.jpg 300w, https:\/\/wildnistrip.de\/wp-content\/uploads\/2026\/03\/5992-2000x1500.jpg 2000w, https:\/\/wildnistrip.de\/wp-content\/uploads\/2026\/03\/5992.jpg 2048w\" sizes=\"auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><\/a><\/figure>\n\n\n\n<p>Die Ostwand ist \u00fcber 2000 m hoch und 6 km lang. Von seiner H\u00f6he abgesehen gleicht dieser Berg in seinen Dimensionen deutlich eher den gr\u00f6\u00dferen Gebirgen dieses Planeten als unseren heimischen Alpen. Es w\u00e4re reizend, ihn zu besteigen, doch daf\u00fcr br\u00e4uchte es eine Expedition mit zahlreichen erfahrenen Bergsteigern, Neuland f\u00fcr Kletterrouten abseits des Normalweges w\u00fcrde sich nat\u00fcrlich auch finden lassen, doch das ist ein Unterfangen, das ich Wagemutigeren \u00fcberlasse. Das einzig M\u00f6gliche mit meinen Mitteln ist seine Umrundung, vielleicht, wenn ich die Satellitenkarten gut genug gelesen habe. Seit Tagen schon, ich will fast sagen Wochen, schwebt die Frage, ob ich diese Route angehen soll oder nicht wie ein Damoklesschwert \u00fcber den weniger intensiv gelebten Tagen der Reise. Die urspr\u00fcngliche und von mir favorisierte Route quert Gletscher relativ weit oben, \u00fcber den zerrissenen Bereichen und vermeidet so die steilen Gletscherzungen und Fl\u00fcsse, die aus diesen springen. <\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><a href=\"https:\/\/wildnistrip.de\/wp-content\/uploads\/2026\/03\/6791.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"768\" height=\"1024\" src=\"https:\/\/wildnistrip.de\/wp-content\/uploads\/2026\/03\/6791-768x1024.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-1103\" srcset=\"https:\/\/wildnistrip.de\/wp-content\/uploads\/2026\/03\/6791-768x1024.jpg 768w, https:\/\/wildnistrip.de\/wp-content\/uploads\/2026\/03\/6791-225x300.jpg 225w, https:\/\/wildnistrip.de\/wp-content\/uploads\/2026\/03\/6791.jpg 1536w\" sizes=\"auto, (max-width: 768px) 100vw, 768px\" \/><\/a><\/figure>\n\n\n\n<p>Dies ist nicht m\u00f6glich ohne Partner, ohne Seil und ganz gewiss, selbst wenn Romain sich entschieden h\u00e4tte, mitzukommen nicht mit seinen bergsteigerischen Fertigkeiten zu bew\u00e4ltigen. So bin ich also gezwungen, umzuplanen, die Route zu verlegen, weiter hinab in die T\u00e4ler, mit einem umso gr\u00f6\u00dferen Risiko, was die Fluss\u00fcberquerung angeht. Eben dadurch war der Plan geboren, die letzte Etappe von Norden zun\u00e4chst auszukundschaften, doch die zuvor beschriebenen Umst\u00e4nde lassen mich nun die Umrundung in umgekehrter Richtung angehen, sodass das Auskundschaften gleich die H\u00e4lfte der ersten Tagesetappe sein k\u00f6nnte. Nicht wenige Bedenken habe ich, diese Tour alleine anzugehen, sie verl\u00e4uft im Grenzgebiet, es ist zweifelsohne illegal, sich dort aufzuhalten, woraus resultiert, dass ich dort keine Menschenseele antreffen werde und bei Schwierigkeiten, welcher Art auch immer vollkommen auf mich allein gestellt sein werde. Brisanter noch, w\u00e4hrend der f\u00fcnf Tage dort oben, sind mindestens zwei davon g\u00e4nzlich auf Gletschern zu verbringen, zwei weitere beinhalten alpine Pass\u00fcberquerung, ohne dass es einen einzigen sicheren Notabstieg gibt. <\/p>\n\n\n\n\n\n<p>Gro\u00dfe Fl\u00fcsse verhindern, dass man \u00fcber eines der drei T\u00e4ler, die dieser Berg auf seiner Ostseite entsendet, in die Zivilisation gelangen k\u00f6nnte, ganz abgesehen davon, dass man dann im falschen Land ausk\u00e4me. Ein Missgeschick passiert mir gleich 50 m vom Schlafplatz entfernt bei der Fluss\u00fcberquerung: Zwar war ich schon am Vortag positiv \u00fcberrascht, wie klein dieser Gletscherfluss ist, doch nicht schmal genug, um hin\u00fcberzuspringen, was ich leider erst merke, als ich im Nassen lande. Was ansonsten eher ein Grund w\u00e4re, \u00fcber die eigene Tollpatschigkeit zu lachen, immerhin ist mir so etwas noch nie passiert, bedeutet nun, dass ich zumindest die ersten zwei Tage in nassen Schuhen werde laufen m\u00fcssen. Nach einer halben Stunde des Steigens im Dunkeln erreiche ich das obere Ende der Mor\u00e4ne und um 6:00 Uhr beginnt der Morgen zu grauen. Einige erodierte Abschnitte muss ich im dichten Unterholz umgehen, bevor ich den Fu\u00df der 800 m hohen Flanke \u00fcber mir erreiche. Das obere Ende stellt jenen Pass dar, der mein \u00dcbergang ins n\u00e4chste Tal sein soll. Das Ger\u00f6ll ist steil, lose und unter jedem meiner Schritte allzeit bereit, sich ins Tal zu ergie\u00dfen. Was schon ohne Rucksack bei einer Steilheit von 40\u00b0 kein Vergn\u00fcgen w\u00e4re, ist mit 25 Kilo auf dem R\u00fccken ein \u00e4u\u00dferster Kraftakt. Kaum besser wird es, als ich den Schnee erreiche. Dieser ist zu frisch, um tragf\u00e4hig zu sein, mal Pulver, mal Harsch, h\u00e4lt er die Flanke zwar etwas zusammen, doch l\u00e4sst mich daf\u00fcr h\u00e4ufig umso unerwarteter tief einbrechen und ein oder zwei Schritte zur\u00fcckrutschen. Trotzdem n\u00e4here ich mich entschieden dem Gratkamm an. Um 9:00 Uhr ist dieser endlich erreicht, die K\u00e4lte vor\u00fcber. Der San Vacca bleibt zwar unter Wolken verborgen, doch ein Vorgipfel zeigt sich dann und wann mystisch, tief verschneit und abweisend. Ich passiere die Grenze, ohne von ihr Notiz zu nehmen.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><a href=\"https:\/\/wildnistrip.de\/wp-content\/uploads\/2026\/03\/5995.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1024\" height=\"768\" src=\"https:\/\/wildnistrip.de\/wp-content\/uploads\/2026\/03\/5995-1024x768.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-1093\" srcset=\"https:\/\/wildnistrip.de\/wp-content\/uploads\/2026\/03\/5995-1024x768.jpg 1024w, https:\/\/wildnistrip.de\/wp-content\/uploads\/2026\/03\/5995-300x225.jpg 300w, https:\/\/wildnistrip.de\/wp-content\/uploads\/2026\/03\/5995-2000x1500.jpg 2000w, https:\/\/wildnistrip.de\/wp-content\/uploads\/2026\/03\/5995.jpg 2048w\" sizes=\"auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><\/a><\/figure>\n\n\n\n<p> Auf argentinischer Seite ist das Wetter etwas besser, die Berge ebenso verschneit, der Blick in die Pampa verdeckt von einigen Vorbergen. Nicht minder steil steige ich auf der anderen Seite im tiefen Schnee ab, mal sind es nur 10 cm, mal ist er verweht und ich breche bis zur H\u00fcfte ein. Als ich um eine Kuppe biege, habe ich erstmals Blick auf den Gletscher, den ich weiter unten queren muss. Dort, wo ich mir eine Passage erhofft hatte, w\u00e4re es zwar vielleicht m\u00f6glich zu queren, doch die Seracs dar\u00fcber machen dies viel zu gef\u00e4hrlich. Wenn ich das Tal erreichen will, muss ich geradewegs absteigen, das ich von oben aber nicht einsehen kann. Auf den Satellitenbildern sieht ein solcher Abstieg aber nicht sehr erquicklich bis unm\u00f6glich aus. Wenig sp\u00e4ter finde ich mich in einer steilen erodierenden Mor\u00e4ne wieder. Meine Flasche l\u00f6st sich aus ihrer Halterung und geht binnen weniger Sekunden den Weg, f\u00fcr den ich eine halbe Stunde brauche, springt in immer h\u00f6heren S\u00e4tzen von Stein zu Stein. Deutlich kontrollierter gelingt es mir, gl\u00fccklicherweise sicher den flachen Talboden zu erreichen. Dabei bin ich mir im Klaren, dass dieser Abstieg, falls ein R\u00fcckzug n\u00f6tig werden sollte, nur unter guten Bedingungen reversibel ist. Gleiches gilt f\u00fcr die Gletscherzunge, die ich etwas sp\u00e4ter erklettere. Dies erspart mir eine Fluss\u00fcberquerung. Der Gletscher hat sich zur\u00fcckgezogen, statt einer flachen Schwemmebene aber eine tiefe Klamm hinterlassen, die unm\u00f6glich zu \u00fcberwinden w\u00e4re. So bleibt mir als bester Aufstiegsweg, abermals in sicherer Entfernung zu den Seracs, nur die Gletscherzunge zu erklimmen. Rasant taut das Eis und hinterl\u00e4sst Eisbl\u00f6cke und Kamine, \u00fcber die ich die steileren Passagen vermeiden kann. <\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><a href=\"https:\/\/wildnistrip.de\/wp-content\/uploads\/2026\/03\/5998.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1024\" height=\"768\" src=\"https:\/\/wildnistrip.de\/wp-content\/uploads\/2026\/03\/5998-1024x768.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-1094\" srcset=\"https:\/\/wildnistrip.de\/wp-content\/uploads\/2026\/03\/5998-1024x768.jpg 1024w, https:\/\/wildnistrip.de\/wp-content\/uploads\/2026\/03\/5998-300x225.jpg 300w, https:\/\/wildnistrip.de\/wp-content\/uploads\/2026\/03\/5998-2000x1500.jpg 2000w, https:\/\/wildnistrip.de\/wp-content\/uploads\/2026\/03\/5998.jpg 2048w\" sizes=\"auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><\/a><\/figure>\n\n\n\n<p>Es folgt ein kurzes Labyrinth aus Spalten, ich balanciere auf den K\u00e4mmen dazwischen, erreiche zwar bald flaches Gel\u00e4nde, doch frage ich mich, ob dies nun endg\u00fcltig der Point of No Return ist. Zwar k\u00f6nnte man noch auf der anderen Seite des Gletschers absteigen, doch dies w\u00fcrde einen nach Argentinien f\u00fchren. Mit beeindruckender Sicht auf die Eisabst\u00fcrze \u00fcber mir lege ich eine kurze Mittagsrast ein, um dann gleich weiter zu eilen. Soweit wie m\u00f6glich will ich es heute noch schaffen. Schnelligkeit bedeutet hier oben Sicherheit. Je l\u00e4nger ich hier alleine herumlaufe, desto gr\u00f6\u00dfer ist das Risiko, dass etwas wie Krankheit oder ein Wettersturz passieren k\u00f6nnten, beides Ereignisse, die absolut gef\u00e4hrlich werden.Auch auf der anderen Seite des Gletschers gibt es einige Spalten zu umgehen, dann erreiche ich, bei dieser Tour ist dies der Erw\u00e4hnung wert, 300 m ebenes Terrain, \u00fcber das sich unbeschwert gehen l\u00e4sst. Unweit sp\u00e4ter beginnt der n\u00e4chste Gletscher, das Spiel wiederholt sich, diesmal zwar mit weniger Spalten und Umgehungen, daf\u00fcr aber Ger\u00f6llbergen. Dahinter ersteige ich einen Pass, abermals im steilen aber gangbaren Ger\u00f6ll. Was schnell mit wenigen Worten beschrieben ist, ben\u00f6tigt Stunden, beinhaltet von Horizont zu Horizont zu marschieren. Ich habe aufgeh\u00f6rt, die Horizonte zu z\u00e4hlen. Es sind zu viele daf\u00fcr. An der Passh\u00f6he angekommen, empf\u00e4ngt mich wieder der kalte Wind, der mich schon am Morgen hat frieren lassen.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><a href=\"https:\/\/wildnistrip.de\/wp-content\/uploads\/2026\/03\/6001.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1024\" height=\"768\" src=\"https:\/\/wildnistrip.de\/wp-content\/uploads\/2026\/03\/6001-1024x768.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-1095\" srcset=\"https:\/\/wildnistrip.de\/wp-content\/uploads\/2026\/03\/6001-1024x768.jpg 1024w, https:\/\/wildnistrip.de\/wp-content\/uploads\/2026\/03\/6001-300x225.jpg 300w, https:\/\/wildnistrip.de\/wp-content\/uploads\/2026\/03\/6001-2000x1500.jpg 2000w, https:\/\/wildnistrip.de\/wp-content\/uploads\/2026\/03\/6001.jpg 2048w\" sizes=\"auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><\/a><\/figure>\n\n\n\n<p> Ich bin ziemlich unterzuckert, versuche die Strecke mit so wenig Nahrungsmitteln wie m\u00f6glich zur\u00fcckzulegen, um f\u00fcr den Fall, dass ich an einer Stelle in der Mitte des Weges umkehren muss, nicht die Nahrungsmittel ausgehen. Obwohl ich nicht langsam unterwegs bin, bin ich jedes Mal nach einem Blick auf die Karte ern\u00fcchtert. Zwar schaffe ich es noch 2 km weiter als geplant. Dies bedeutet aber immer noch, dass die morgige Etappe 12 km Gletscher beinhaltet. Hier ist der Gletscher verschneit. Die Schneeschicht ist d\u00fcnn, doch die kleineren Spalten von 10-30 cm Breite sind zugeweht, sodass ich mit den Trekkingst\u00f6cken vor mir im Schnee herumstochere, immer wenn ich mir der Tragf\u00e4higkeit des Untergrundes nicht gewiss bin. Hinter einem gro\u00dfen Felsblock, zumindest etwas windgesch\u00fctzt, haue ich mir mit dem Pickel eine flache Fl\u00e4che ins Eis, gro\u00df genug, um die Isomatte darauf auszubreiten. Daran ein Zelt aufzustellen, ist nicht zu denken. Abgesehen davon, dass ich es nur schwerlich abspannen k\u00f6nnte, sind so gro\u00dfe ebene Fl\u00e4chen auf diesem Gletscher nicht vorhanden. Seit dem Pass befinden sich zu meiner Rechten keine Wolken mehr, sie schaffen es nicht \u00fcber den Grat. Folglich ist der San Lorenzo mit seiner Ostwand zu sehen: Ein Eisplateau bricht mit einer vielleicht 80 m hohen Eiswand \u00fcberh\u00e4ngend zu dieser Seite ab, darunter noch einmal 2000 m Fels und Eis. Eiszapfen, gefrorene Wasserf\u00e4lle, verschneite Platten und Felspfeiler formen dieses unfassbare Ensemble auf einer Breite von 6 km. Es mag im Himalaya h\u00f6here W\u00e4nde geben, doch was mich betrifft, ist dies eine der gr\u00f6\u00dften, die ich je gesehen habe. In ihren Dimensionen \u00e4hnelt sie vielleicht den S\u00fcdabst\u00fcrzen des Kaukasus, nur dass sie viel senkrechter und breiter ist. In den Alpen sucht man ein Pendant vergeblich, so viel ist gewiss. Schon um 5 Uhr esse ich zu Abend und verkrieche mich dann ersch\u00f6pft in den Schlafsack und schlafe sofort ein, ein Umstand, der f\u00fcr gew\u00f6hnlich zu dieser Uhrzeit nie passieren w\u00fcrde. Doch schon eine halbe Stunde sp\u00e4ter erwache ich frierend. Die Sonne ist hinter dem Bergkamm verschwunden, augenblicklich hat sich die Temperatur vom +15\u00b0 zu 0\u00b0 gewandelt. Ich krieche tiefer in den Schlafsack und ziehe die erste Lehre dieser Nacht, sie soll nicht die letzte sein: Eine simple Isomatte ist auf dem Eis nicht ausreichend. Ein Daunenschlafsack isoliert auf der Unterseite, wo das Gewicht des K\u00f6rpers aufliegt, gar nicht. Eine Weile gelingt es mir trotzdem zu schlafen, doch dann erwache ich erneut. Ich blicke nicht auf die Uhr, ich wei\u00df, es ist noch fr\u00fch, Mitternacht wird noch nicht vor\u00fcber sein. Mit einem beil\u00e4ufig Blick gen Himmel nehme ich den Sternenhimmel wahr. Die Milchstra\u00dfe zieht sich als hell leuchtendes Band quer \u00fcber ihn bis sie vom San Vacca verdeckt wird. Keine Sekunde muss ich nachdenken, um mit Gewissheit sagen zu k\u00f6nnen, und dies d\u00fcrfte nach vielleicht 800 N\u00e4chten drau\u00dfen Campierens etwas hei\u00dfen, dass dies der vollkommenste Sternenhimmel ist, den ich je erblickt habe. Doch es ist so kalt, dass ich mir die Frage, ob ich ein Foto aufnehme, gar nicht erst stelle, mich bibbernd weiter in den Schlafsack einmummele und mit Schrecken feststelle, dass er nass ist. Alles ist von Reif \u00fcberzogen, damit hatte ich auf einem Gletscher nicht gerechnet. Die Daune ist feucht und verklebt, sodass sie nicht mehr w\u00e4rmt. Die noch trockene Daunenjacke bewahrt mich vor dem Erfrieren, doch der Untergrund ist so kalt, dass ich es nur noch in Kauerstellung, den Boden nur mit Unterarmen und Knien ber\u00fchrend, aushalte. Um 3:30 Uhr wird mir klar, dass auch dies zu riskant ist. Ich darf hier drau\u00dfen weder erfrieren, noch mir eine Erk\u00e4ltung zuziehen, es gibt nur eine L\u00f6sung und zwar mich zu bewegen. So packe ich in klirrender K\u00e4lte meinen Rucksack und ziehe los, hoffend, dass das Licht der Stirnlampe f\u00fcr die n\u00e4chsten 2 Stunden halten wird, denn ansonsten bin ich im Stockfinstern verloren. Auch treffe ich eine folgenreiche Entscheidung: Nach meinem Abstieg durch die Gletschermor\u00e4ne gestern halte ich weder das Bachbett, das jene Mor\u00e4ne, die ich erklimmen m\u00fcsste, durchbricht, f\u00fcr sicher, daran d\u00fcrften sich zu viele lose Felsbrocken befinden, noch glaube ich im verpressten Sand und Lehm bei diesem gefrorenen Untergrund aufsteigen zu k\u00f6nnen. Ebenso f\u00fcrchte ich, auf den Ger\u00f6llbergen des Gletschers im Dunkeln navigieren zu m\u00fcssen, im steten auf und ab, nie weiter sehend als 50 m. Von dem einzigen mir bekannten Begeher dieses Streckenabschnitt wei\u00df ich, dass das Gel\u00e4nde auf der \u00f6stlichen Seite der Mor\u00e4ne verh\u00e4ltnism\u00e4\u00dfig leicht begehbar sein soll. So sehe ich meine einzige Chance, es dort zu versuchen. Dies bedeutet dann aber, dass mein verfr\u00fchter Aufbruch, denn einmal oben auf der Mor\u00e4ne angelangt, ist ein Abstieg 5 km weiter zur\u00fcck auf den Gletscher nicht mehr m\u00f6glich, mich dazu zwingt, den Gletschersee ebenfalls auf seiner \u00f6stlichen Seite zu umgehen und damit den Fluss an seinem s\u00fcdlichen Ende zu \u00fcberqueren.Eine volle Stunde m\u00fche ich mich den steilen Schutthang hinauf, um den Mor\u00e4nenkamm zu erreichen. Der Mond ist bereits untergegangen, so ist die Schw\u00e4rze der Nacht undurchdringlich, und oft versch\u00e4tze ich mich in den Entfernungen, umso mehr weil ich die Dimensionen dieser Gletscher hier nicht gewohnt bin. Endlich 200 m weiter oben angelangt ist das Gel\u00e4nde lange nicht wie erhofft und nur geringf\u00fcgig besser als unten auf dem Gletscher. Andauernde Gegenanstiege m\u00fcssen \u00fcberwunden werden und T\u00e4ler, dort wo Seitenb\u00e4che die Mor\u00e4ne durchbrechen, umlaufen werden. Um 6 Uhr beginnt der Morgen zu grauen und die Ostwand des San Lorenzo wandelt ihre Farbe von Wei\u00df zu leuchtendem Rot im Alpengl\u00fchen. Kaum nehme ich mir die Zeit, diesen Anblick zu genie\u00dfen, denn es wartet noch eine Fluss\u00fcberquerung auf mich und diese will ich so fr\u00fch wie m\u00f6glich \u00fcberwunden haben, wenn sie denn \u00fcberhaupt m\u00f6glich ist, ehe das Schmelzwasser des Tages die Fl\u00fcsse anschwellen l\u00e4sst. Trotz meines fr\u00fchen Starts ist es noch weit bis dorthin. Ich setze mir zum Ziel bis 9 Uhr dort zu sein. Dies ist allerdings eine fast \u00fcbermenschliche Aufgabe, denn daf\u00fcr m\u00fcssen 8 km Strecke mit einer Geschwindigkeit von vier Km\/h \u00fcberwunden werden, in diesem Terrain mit meinem Gep\u00e4ck die Grenze des f\u00fcr mich M\u00f6glichen. Ich eile voran, hochkonzentriert beim Setzen jedes Schrittes. Stunden vergehen, der Horizont ver\u00e4ndert sich mal wieder nur minimal. Das, wor\u00fcber ich laufe, bleibt Ger\u00f6ll. M\u00fchsam ist kein Wort, um das Fortkommen hier zu gen\u00fcge zu beschreiben. Doch es gelingt! Um Punkt 9:00 Uhr stehe ich am Abfluss des Sees. Die gewaltige Eiswand spiegelt sich darin und ehe die ersten Sonnenstrahlen auf die Wasseroberfl\u00e4che treffen, nehme ich mir den Augenblick f\u00fcr ein Foto. S\u00e4he ich dieses, ohne den Aufnahmeort zu kennen, ich vermutete, es w\u00e4re in den h\u00f6chsten Bergen der Welt aufgenommen. Zun\u00e4chst bin ich beim Anblick des Flusses optimistisch. Nicht ohrenbet\u00e4ubend r\u00f6hrend sondern mit einem bescheidenen Rauschen entschwinden die Wasser dem See. <\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><a href=\"https:\/\/wildnistrip.de\/wp-content\/uploads\/2026\/03\/6004.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1024\" height=\"768\" src=\"https:\/\/wildnistrip.de\/wp-content\/uploads\/2026\/03\/6004-1024x768.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-1096\" srcset=\"https:\/\/wildnistrip.de\/wp-content\/uploads\/2026\/03\/6004-1024x768.jpg 1024w, https:\/\/wildnistrip.de\/wp-content\/uploads\/2026\/03\/6004-300x225.jpg 300w, https:\/\/wildnistrip.de\/wp-content\/uploads\/2026\/03\/6004-2000x1500.jpg 2000w, https:\/\/wildnistrip.de\/wp-content\/uploads\/2026\/03\/6004.jpg 2048w\" sizes=\"auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><\/a><\/figure>\n\n\n\n<p>Auch sind es bis zum anderen Ufer nicht mehr als 12 m. Eine genauere Inspektion jedoch zeigt, dass das Flussbett in der Mitte nicht sehr flach sein wird. Ich wage einen ersten Versuch mit der H\u00e4lfte des Rucksackinhaltes, mache f\u00fcnf Schritte, n\u00e4here mich der Mitte des Wasserlaufs an und merke, dass wenn ich noch einen Schritt mache, ich die Bodenhaftung verlieren k\u00f6nnte. Die Str\u00f6mung ist zu stark, das Wasser zu tief. Hier besteht keine Chance. Die einzige Alternative besteht darin, bis dorthin zur\u00fcckzulaufen, wo ich heute Morgen gestartet bin, den Gletscher auf seiner vollen Breite von fast 2 km zu queren und auf der anderen Seite bis zu einem Seitental zu gelangen, dieses im Steilger\u00f6ll emporzusteigen und so hoffentlich die Mor\u00e4ne am nordwestlichen Ufer zu erreichen. Ich bezweifle, dass dies an einem Tag m\u00f6glich w\u00e4re. <\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><a href=\"https:\/\/wildnistrip.de\/wp-content\/uploads\/2026\/03\/6010.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1024\" height=\"768\" src=\"https:\/\/wildnistrip.de\/wp-content\/uploads\/2026\/03\/6010-1024x768.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-1097\" srcset=\"https:\/\/wildnistrip.de\/wp-content\/uploads\/2026\/03\/6010-1024x768.jpg 1024w, https:\/\/wildnistrip.de\/wp-content\/uploads\/2026\/03\/6010-300x225.jpg 300w, https:\/\/wildnistrip.de\/wp-content\/uploads\/2026\/03\/6010-2000x1500.jpg 2000w, https:\/\/wildnistrip.de\/wp-content\/uploads\/2026\/03\/6010.jpg 2048w\" sizes=\"auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><\/a><\/figure>\n\n\n\n<p>Eine weitere Nacht auf dem Eis will ich unbedingt vermeiden, auch dr\u00e4ngt die Zeit, irgendwann werden mir die Nahrungsmittel ausgehen und das Wetter kippen.5 m weiter oberhalb setze ich zu einem erneuten \u00dcberquerungsversuch an. Die Str\u00f6mung ist hier schw\u00e4cher, daf\u00fcr das Wasser tiefer. Die Furt gelingt, die erste Fuhre ist dr\u00fcben. Doch insgesamt muss ich den Fluss dreimal \u00fcberqueren, um all mein Gep\u00e4ck hin\u00fcberzubringen, so gehe ich mit leerem Rucksack zur\u00fcck, stemme mich wieder gegen die Str\u00f6mung. Dann wiederholt sich der Kraftakt in umgekehrte Richtung diesmal mit Kamera. Erleichtert wanke ich ans Ufer. Es ist geschafft! Nun ist die Umrundung des San Lorenzo m\u00f6glich. Auch wenn der R\u00fcckweg nun zwar definitiv abgeschnitten ist, ist nicht mehr mit Hindernissen zu rechnen, ehe ich wieder die Zivilisation erreiche. Erst jetzt merke ich, dass meine Finger und F\u00fc\u00dfe taub sind von der K\u00e4lte, mein T-Shirt und Pullover sind recht nass geworden. So h\u00fclle ich mich in die Daunenjacke, esse eine Kleinigkeit. Fortan werde ich mit Nahrungsmittel nicht mehr derma\u00dfen sparen m\u00fcssen, packe meine Habseligkeiten zusammen, um an einen gastlicheren Ort zu gelangen. Noch anderthalb Kilometer folge ich dem Tal abw\u00e4rts, dann biege ich in das von rechts kommende Tal ab. Endlich empf\u00e4ngt mich wieder Wald, Vegetation, gr\u00fcne Landschaft, etwas anderes als Steinw\u00fcsten. So ersch\u00f6pft und ausgelaugt ich mich auch f\u00fchle, trotzdem genie\u00dfe ich sehr dieses Tal aufw\u00e4rts wandern zu k\u00f6nnen in dem Wissen, dass hier keine Menschen hinkommen. Es ist wild und urspr\u00fcnglich, gewiss schon einmal besucht, doch das mag Jahrzehnte zur\u00fcckliegen. An einer Quelle am Ufer des Flusses schlage ich mein Lager auf. \u00dcber mir thronen einige Eisgipfel mit m\u00e4chtigen Gletschern. Es ist erst Mittag, doch ich d\u00f6se den restlichen Tag vor mich hin, wasche meine Kleidung und Haare und versuche mich von den Strapazen der letzten zwei Tage zu erholen.So wie die Landschaft hier ist, hatte ich mir Patagonien immer vorgestellt: <\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><a href=\"https:\/\/wildnistrip.de\/wp-content\/uploads\/2026\/03\/6007.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"768\" height=\"1024\" src=\"https:\/\/wildnistrip.de\/wp-content\/uploads\/2026\/03\/6007-768x1024.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-1098\" srcset=\"https:\/\/wildnistrip.de\/wp-content\/uploads\/2026\/03\/6007-768x1024.jpg 768w, https:\/\/wildnistrip.de\/wp-content\/uploads\/2026\/03\/6007-225x300.jpg 225w, https:\/\/wildnistrip.de\/wp-content\/uploads\/2026\/03\/6007.jpg 1536w\" sizes=\"auto, (max-width: 768px) 100vw, 768px\" \/><\/a><\/figure>\n\n\n\n<p>Unber\u00fchrt, wild und lieblich zugleich, Berge wie aus dem Bilderbuch. Anderthalb Monate hat es gebraucht, bis ich dieses Ideal gefunden habe.Aus meinem zeitigen Start am n\u00e4chsten Morgen wird nichts. Ein Regenschauer zieht zu Beginn der D\u00e4mmerung \u00fcber das Tal hinweg, und bis es trocken genug ist, um loszugehen, ist es 8:00 Uhr. Die erste Stunde kann ich dem Talgrund weiter \u00fcber Wiesen und die Ufer des Flusses folgen. Gelegentlich sind dabei einige Waldst\u00fccke zu durchqueren, aber diese sind so kurz, dass sobald mich der Mut verl\u00e4sst, meist das andere Ende in Sicht kommt. Nach einer Talwindung zeigt sich unvermittelt majest\u00e4tisch der s\u00fcdliche Eckpfeiler des San Lorenzo. Auch auf dieser Seite t\u00fcrmen sich Fels und Eis 1000 m hoch und gipfeln in k\u00fchnen Zacken, ein isolierter Turm sticht 300 m hoch aus dem Grat hervor, der Schwerkraft trotzend. Wenig sp\u00e4ter komme ich an einen wundervollen See k\u00f6nigsblauer Farbe. Noch liegt er im Schatten und entfaltet nicht seine volle Leuchtkraft. Ein wenig bedauere ich nicht hier \u00fcbernachtet zu haben. Eine einzelne S\u00fcdbuche steht an seinem Ufer, letzte Botin der Vegetation und W\u00e4rme des Tales. Dar\u00fcber beginnen hochalpine Tundra und Ger\u00f6ll. Auch das Wetter wandelt sich, die Regenschauer intensivieren sich In einem letzten Sonnenstrahl leuchtet der gro\u00dfe Gletschersee an der Grenze zu Chile, dann setzen Schneeschauer ein. <\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><a href=\"https:\/\/wildnistrip.de\/wp-content\/uploads\/2026\/03\/6793.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"768\" height=\"1024\" src=\"https:\/\/wildnistrip.de\/wp-content\/uploads\/2026\/03\/6793-768x1024.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-1099\" srcset=\"https:\/\/wildnistrip.de\/wp-content\/uploads\/2026\/03\/6793-768x1024.jpg 768w, https:\/\/wildnistrip.de\/wp-content\/uploads\/2026\/03\/6793-225x300.jpg 225w, https:\/\/wildnistrip.de\/wp-content\/uploads\/2026\/03\/6793.jpg 1536w\" sizes=\"auto, (max-width: 768px) 100vw, 768px\" \/><\/a><\/figure>\n\n\n\n<p>H\u00e4tte ich mehr Proviant, w\u00fcrde ich hier liebend gerne einige Tage verweilen. Bergsteigerische Ziele locken in allen Richtungen und wundervolle Lagerpl\u00e4tze w\u00fcrden sich in allen Ecken des Tages finden lassen. Doch ich muss zur\u00fcck in die Zivilisation, bin zudem zu ersch\u00f6pft, um mich auf Gipfeltouren zu begeben, auch scheint sich ein Wetterumschwung anzudeuten. Den See an seinem s\u00fcdlichen Ufer zu umlaufen, braucht l\u00e4nger als erwartet. Auch hier hat der Gletscher sich zur\u00fcckgezogen und chaotische Ger\u00f6llberge durchzogen von Schluchten und Wasserl\u00e4ufen hinterlassen. Wenig sp\u00e4ter passiere ich die Grenze und befinde mich fortan wieder in Chile. Ich bin ersch\u00f6pft und komme kaum von der Stelle, lege daher eine fr\u00fche Mittagspause ein. Danach f\u00fchle ich mich wieder deutlich fitter. Kalorienzufuhr wirkt hier oben doch oft wie ein Allheilmittel.Auf einmal zeichnet sich auf einer Felskuppe \u00fcber mir eine Silhouette ab. Nach einem Augenblick erkenne ich diese als Huemul. Dies ist offensichtlich nicht gew\u00f6hnt hier Menschen zu sehen und hebt in einer drohenden Geste seinen Huf, um ihn dann im Zeitlupentempo herab zu senken und einen Stein in meine Richtung zu kicken. Schon allein dies wirkt reichlich komisch. Doch dass es seinen kurzen Schwanz propellerartig dreht und der Stein mich um 20 m verfehlt, l\u00e4sst die Szene sehr bizarr aussehen. Als es dann fl\u00fcchtet, folge ich ihm und finde so Zugang zu einer fast ebenen Terrasse, die den Berg auf halber H\u00f6he durchzieht und mich die Querung, die ich als so zeitraubend eingesch\u00e4tzt hatte, zumindest in ihrem ersten Viertel rasch \u00fcberwinden l\u00e4sst. <\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><a href=\"https:\/\/wildnistrip.de\/wp-content\/uploads\/2026\/03\/6794.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1024\" height=\"768\" src=\"https:\/\/wildnistrip.de\/wp-content\/uploads\/2026\/03\/6794-1024x768.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-1100\" srcset=\"https:\/\/wildnistrip.de\/wp-content\/uploads\/2026\/03\/6794-1024x768.jpg 1024w, https:\/\/wildnistrip.de\/wp-content\/uploads\/2026\/03\/6794-300x225.jpg 300w, https:\/\/wildnistrip.de\/wp-content\/uploads\/2026\/03\/6794-2000x1500.jpg 2000w, https:\/\/wildnistrip.de\/wp-content\/uploads\/2026\/03\/6794.jpg 2048w\" sizes=\"auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><\/a><\/figure>\n\n\n\n<p>Der zuvor noch d\u00fcstere Himmel klart auf. Unter mir erstreckt sich ein weites, waldbedecktes Tal, auch dieses v\u00f6llig unber\u00fchrt von Menschen. Am Horizont dar\u00fcber zeigen sich einige Gletscherberge, meine grobe Richtung f\u00fcr den restlichen Tag. Hinter mir gr\u00fc\u00dfen die gezackten Felsnadeln rund um den San Lorenzo ein letztes Mal, dann verabschiede ich mich etwas wehm\u00fctig von der Sicht hin\u00fcber nach Argentinien. Ich will zur\u00fcckkehren. Nun wo diese Route hier sehr viel leichter passierbar ist als die andere Seite scheint es mir, als habe ich den Weg zum Paradies gefunden, ohne daf\u00fcr tagelang Gletscher und alpine P\u00e4sse \u00fcberqueren zu m\u00fcssen. Doch wer wei\u00df, wie lange es dauern wird, bis es mir m\u00f6glich sein wird, diesen Ort erneut aufzusuchen.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><a href=\"https:\/\/wildnistrip.de\/wp-content\/uploads\/2026\/03\/6795.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"768\" height=\"1024\" src=\"https:\/\/wildnistrip.de\/wp-content\/uploads\/2026\/03\/6795-768x1024.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-1101\" srcset=\"https:\/\/wildnistrip.de\/wp-content\/uploads\/2026\/03\/6795-768x1024.jpg 768w, https:\/\/wildnistrip.de\/wp-content\/uploads\/2026\/03\/6795-225x300.jpg 225w, https:\/\/wildnistrip.de\/wp-content\/uploads\/2026\/03\/6795.jpg 1536w\" sizes=\"auto, (max-width: 768px) 100vw, 768px\" \/><\/a><\/figure>\n\n\n\n<p>Noch immer bin ich etwas ersch\u00f6pft von den langen Etappen der vergangenen Tage. So bringe ich den Rest der Querung, der gr\u00f6\u00dftenteils im absch\u00fcssigen Ger\u00f6ll oder auf Wiesenh\u00e4ngen zu bew\u00e4ltigen ist, schnell hinter mich, erreiche ein grasiges Hochplateau und treffe zu meiner gro\u00dfen \u00dcberraschung auf einige K\u00fche. Auch heute schlage ich bereits fr\u00fch mein Lager auf, oberhalb zweier Seen, in der Ferne dar\u00fcber ist der San Vacca zu sehen, wenn sich die Wolken um sein Haupt gelegentlich lichten.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><a href=\"https:\/\/wildnistrip.de\/wp-content\/uploads\/2026\/03\/6796.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"768\" height=\"1024\" src=\"https:\/\/wildnistrip.de\/wp-content\/uploads\/2026\/03\/6796-768x1024.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-1102\" srcset=\"https:\/\/wildnistrip.de\/wp-content\/uploads\/2026\/03\/6796-768x1024.jpg 768w, https:\/\/wildnistrip.de\/wp-content\/uploads\/2026\/03\/6796-225x300.jpg 225w, https:\/\/wildnistrip.de\/wp-content\/uploads\/2026\/03\/6796.jpg 1536w\" sizes=\"auto, (max-width: 768px) 100vw, 768px\" \/><\/a><\/figure>\n\n\n\n<p> Es ist kaum zu glauben, dass ich diesen gewaltigen Klotz nahezu vollst\u00e4ndig umrundet habe.Etwas Sorge bereitet mir mein Abstieg f\u00fcr die kommende und letzte Etappe. So starte ich fr\u00fch und plane spontan um. Da sich hier oben K\u00fche befinden, k\u00f6nnen diese nicht den steilen Waldhang hinauf gekommen sein, den ich gedachte, in k\u00fcrzester Linie abzusteigen. Von daher muss es eine andere, bessere Route geben. Ich versuche mein Gl\u00fcck auf einem H\u00f6henr\u00fccken, wo ich zwar deutlich l\u00e4nger durch bewaldetes Terrain hindurch muss, daf\u00fcr aber weniger steilen Grund vorfinden d\u00fcrfte. Leuchtend orange f\u00e4rbt die aufgehende Sonne f\u00fcr einen Moment die Zirren \u00fcber dem San Lorenzo. Steht schlechtes Wetter an? Mich wird es kaum noch betreffen. Heute Abend werde ich wieder in der Zivilisation sein. Tats\u00e4chlich komme ich auf der umgeplanten Route recht ungeschoren davon, was Unterholz betrifft. Nur zu Beginn muss ich zwischen einigen S\u00fcdbuchengestr\u00fcppen hindurch kriechen, dann kann ich einem felsigen H\u00f6henr\u00fccken folgen, aussichtsreich \u00fcber den endlosen W\u00e4ldern. Am Talgrund angelangt, treffe ich auf einen deutlichen Viehpfad, der mich zu einigen H\u00e4usern leitet, nicht aber ohne ihn auf dem Weg dorthin zweimal beinah zu verlieren. Mein Vorhaben an den H\u00e4usern nach dem Weg zu fragen, breche ich ab angesichts eines w\u00fctenden, die Z\u00e4hne fletschenden Wachhundes. Immerhin finde ich aber bei meiner Flucht vor diesem verwilderte Himbeerrouten voller Fr\u00fcchte, eine schmackhafte Abwechslung zu meiner kargen und eint\u00f6nigen Kost. Es ist fast das erste Obst und gewiss das erste Beerenobst, das ich auf diesem Kontinent verspeise. Meist ist der Pfad deutlich ausgepr\u00e4gt, doch wenn er Feuchtgebiete passiert, verliert er sich v\u00f6llig und ich muss im Sumpf nach der einfachsten Route suchen. 10 km flussabw\u00e4rts und einige Furten sp\u00e4ter bin ich wieder am Fu\u00df des San Lorenzo, \u00fcber mir strahlen Gletscher grell in der Mittagssonne, als ich die Fahrstra\u00dfe erreiche. Einige Touristen m\u00fcssen sich auf dem Weg zum Gletschersee befinden, wie mich die hier geparkten Fahrzeuge vermuten lassen. Da auch ich mir diesen Aussichtspunkt nicht entgehen lassen m\u00f6chte, mache ich einen Abstecher dorthin, lande aber stattdessen an einem versteckt im Wald liegenden See, sein Wasser ganze 23\u00b0 warm, eine seltene Gelegenheit in diesem kalten Land zum Schwimmen. Ich f\u00fcrchte, keine Mitfahrgelegenheit mehr bis in den n\u00e4chsten Ort zu bekommen, so mache ich mich rasch auf den R\u00fcckweg. Nach einer Weile des Wartens gelingt es mir, mit einem niederl\u00e4ndischen P\u00e4rchen, das mit Bergf\u00fchrer eine Tour an den Gletscher gemacht hat, zur\u00fcckzufahren. Auf dem R\u00fcckweg zeigt uns der Bergf\u00fchrer, ich werde den Verdacht nicht los, dass er sich diesen Titel selbst zugelegt hat, seinen Garten. Die Erdbeer- und Salatkulturen sind beeindruckend und wahrscheinlich die Erkl\u00e4rung, warum hier in den Superm\u00e4rkten kaum frische Ware zu finden ist: Die Menschen, die Land besitzen, bauen alles selber an, weil diese G\u00fcter ansonsten f\u00fcr den Durchschnittschilenen unerschwinglich w\u00e4ren. Mir bleibt es schleierhaft, wie es m\u00f6glich ist, von einem Jahresgehalt von unter 12.000 \u20ac hier leben zu k\u00f6nnen, sind die Preise zumindest f\u00fcr Lebensmittel doch um ein Vielfaches h\u00f6her als in Europa. In Cochrane h\u00e4lt mich nichts. Aber es ist sp\u00e4t und der einzige Ort, wo ich in den n\u00e4chsten Tagen auf Internetverbindung hoffen kann. Daher \u00fcbernachte ich versteckt im Wald auf dem Gel\u00e4nde der Rangerstation eine weitere Nacht. Nachdem ich nun v\u00f6llig unverhofft die vermutlich schwierigste und sch\u00f6nste aller meiner bisherigen Trekkingrouten vollendet habe, ist es merkw\u00fcrdig an diesen Ort zur\u00fcckzukehren, wo ich so viele Stunden der Ungewissheit wie es mit der Reise weitergehen soll, verbracht habe. Fortan plane ich jedoch keine Touren mehr im Alleingang mit dem Risiko wie bei dieser Umrundung, dass der Abstieg beziehungsweise R\u00fcckweg versperrt sein k\u00f6nnte.Anmerkung: Einige topographische Namen wurden ge\u00e4ndert aufgrund der Umst\u00e4nde vor Ort<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Umrundung des San Vacca Romain zieht es nach Norden, auch wenn ich nun wei\u00df, dass seine letzten Worte, ihm seien diese Gegend und diese Reise zu wild, aus schlechter Tagesform heraus ge\u00e4u\u00dfert wurden, so d\u00fcrfte darin grunds\u00e4tzlich doch etwas Wahres stecken. 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