4. Illegal durch den Nationalpark Los Glaciares

Am Mittag kommt Romain an, und nachdem wir uns mit Vorräten für 9 Tage und je 6 Litern Wasser, unser Trekking startet in der Wüste, eingedeckt haben, geht es los. Zügig erreichen wir nach einer halben Stunde Wartens den Abzweig der Straße zum Los Glaciares Nationalpark und lassen uns mitten im Nirgendwo absetzen.

Zwischen Romain und mir gab es wohl ein Missverständnis darüber, ob wir die kommenden 65km Nebenstraße komplett trampen würden, oder, wenn dies nicht gelingt, auch zu Fuß gehen würden. Ich habe kaum Zeit, den Schock zu überwinden, als er den Rucksack schultert und loszieht, tröste mich dann aber damit, dass in den nächsten ein bis zwei Stunden schon ein Auto kommen wird. Über diese Dauer werde auch ich es schaffen, bei 25 Grad in der prallen Sonne mit 30kg Gepäck zu laufen. Bald verstummen unsere Gespräche in der trockenen, heißen Luft. Bei jedem leisen Geräusch drehen wir uns voller Hoffnung um, in der Erwartung, die Staubfahne eines nahenden Fahrzeugs ausmachen zu können. Doch keines taucht auf. So geht es zwei, drei, vier dann fünf Stunden lang. Meine Füße schmerzen, meine steigeisenfesten, sprich sohlensteifen Schuhe sind nicht dafür geeignet, in der Hitze über flachen Grund zu laufen. Die Socken triefen vor Nässe vom Schwitzwasser, die Haut wirft Blasen, jeder Schritt schmerzt, und der Rucksack wird auch nicht leichter. Ich bin verzweifelt.Schließlich erscheint endlich ein Auto. Aber aus der falschen Richtung. Wir halten es trotzdem an, bitten, betteln, bieten Geld an, doch man will uns nicht die verbleibenden 50km fahren. Nicht mal Wasser können sie uns geben. Zwei Kilometer weiter schaffen wir es noch auf eine Anhöhe, wo zumindest ich in außerordentlich erschöpftem Zustand insistiere, die Nacht zu verweilen. Romain hat eine andere Kondition. Er macht regelmäßig 100km Läufe und bei 90kg Körpergewicht fällt es nicht so schwer einen 30kg Rucksack zu bewältigen wie mir mit inzwischen vermutlich nur noch 63kg Eigengewicht. Zwei Fahrzeuge rauschen in der einbrechenden Dunkelheit mit über 100km/h an uns vorbei, doch ebenfalls in die falsche Richtung. Am Horizont strahlen Cerro Torre und Fitzroy in der Abendsonne ohne ein einziges Wölkchen. Das passiert selten, in manchen Jahren gar nicht, und wir hängen hier draußen in der Halbwüste fest, statt das gute Wetter in den Bergen zu nutzen und dörren langsam vor uns hin. Der neue Tag beginnt mit neuer Hoffnung. Mit dem Sonnenaufgang ziehen wir los, steigen in ein Flusstal ab, wo es zwar vermutlich dreckiges, aber gefiltert trinkbares Wasser gibt. Für einen Moment wird das Gelb der Landschaft von Grün abgelöst. Ein weiteres Auto kommt uns entgegen. Ein Ranger. Wo wir hinwollen, möchte er wissen. Glücklicherweise habe ich Romain vorher halbwegs gebrieft, sodass er nicht unsere Route verrät, diese führt durch den Park und ist wie alle anderen Routen in den kommenden Wochen auch illegal. Das weiß Romain nicht, ich habe es selbst nur nach und nach herausgefunden. Da er bereits darüber, dass wir beabsichtigen, uns unerlaubter Weise in den Nationalpark zu begeben, nicht erfreut ist, ist es wohl besser so. Endlich zeichnet sich am Horizont die Rettung ab: Ein Pickup kommt auf uns zu und fährt als erstes Auto in unsere Richtung. Unsere Erleichterung ist unendlich. Doch der Pickup braust vorbei, hinterlässt uns in einer Staubwolke und meinen ausgestreckten Daumen muss ich einziehen, um nicht den Seitenspiegel abzukriegen. Wir laufen noch gute 10km weiter, dann melde ich an, dass ich mit meinen Blasen, auf dieser Art von Untergrund sind sie besonders schmerzhaft, nicht mehr weiter laufen werde. Scheinbar gibt es am Ende der Strecke eine Lodge, Touristen werden dorthingekarrt. Eines dieser Autos halten wir an, doch obwohl drei freie Plätze und eine Ladefläche vorhanden sind, will der Mann uns nicht mitnehmen. Nun wo wir wissen, dass die Lodgefahrer wohl einen Großteil des Verkehrs ausmachen und uns nicht mitnehmen werden, wird unsere Lage prekär. Wir haben die Hälfte der Strecke zurückgelegt, noch 3,7 Liter Wasser und werden uns spätestens in einem Tag in einer Notlage befinden, wenn wir keine Mitfahrgelegenheit bekommen. Geht es bald darum, dieser lebensfeindlichen Einöde zu entrinnen und wieder in die Zivilisation zu gelangen, ich würde ein Fahrzeug gewaltsam stoppen, auf die Ladefläche springen oder notfalls beschädigen. Doch Romain ist dazu bei weitem nicht bereit und will jedem Konflikt aus dem Weg gehen, schlägt stattdessen vor, die 32km in der Hitze zurückzulaufen. Das würden wir heute oder morgen zwar vielleicht noch schaffen, doch danach wären meine Füße aber für Tage im Eimer. So deutet sich der erste Konflikt bereits am zweiten Tage unserer gemeinsamen Zeit an.Drei weitere Fahrzeuge passieren uns, bleiben aber nicht stehen. Wir fassen den Plan, in der Morgenfrische des folgenden Tages zu versuchen, zu Fuß wieder die Teerstraße zu erreichen. Am frühen Nachmittag passiert dann das Unglaubliche: Ein Pickup hält, die Rangerin nimmt uns nach kurzem Überlegen mit. So holpern wir also doch noch die verbliebenen 35km in Richtung Berge. Romain führt mit seinen Spanischkenntnissen, auch wenn diese nicht viel weitreichender sind als meine, ein angeregtes Gespräch mit der Rangerin. Tierlaute und Merkmale zu imitieren geht auch ohne Spanisch. Tatsächlich kommen wir uns bald vor wie auf einer Safari: Hunderte Guanacos, fremdartige Vögel mit langen Schnäbeln, Graufüchse und straußenähnliche Riesenvögel, die nicht fliegen können. Also gibt es hier doch keine menschenfressenden Dinosaurier, unsere zwischenzeitliche Schlussfolgerung aus gigantischen, 20cm langen, einen Meter voneinander entfernten Fußabdrücken und der Abwesenheit von menschlichem Leben.Idyllisch ist die prärieähnliche Landschaft am Fuß der Berge. Die Rangerin macht sehr klar, dass wir nicht von dem einzigen existierenden Wanderweg abweichen dürfen und registriert unsere Namen und Verweildauer. Romain ist bereits drauf und dran, alle Trekkingpläne aufzugeben, denn unsere Route führt natürlich weit über alles an vorhandenen Wegen hinaus. Mir bleibt nichts anderes übrig, als einen riskanten Plan auszuführen: Die Rangerin zu fragen, ob wir am Fuß der Berge an der Parkgrenze zum Viedma See laufen dürften. Falls sie dies ablehnt und wir einfach verschwinden, wird nach uns gesucht werden. Offenbaren wir nicht unsere vermeintlichen Pläne, könnten wir schlicht mit einem der zurückreisenden Autos mitgefahren sein, und niemand würde nach uns suchen, so meine Überlegung. Falls sie aber zustimmt, so könnte ich Romain überreden, dass unsere Abreise ohne Auto kein Misstrauen erweckte. Es gelingt. Nun bleibt nur noch eine Hürde, denn aufgrund der zwei Tage langen Anreise geht uns das Essen aus. Mit einer Gruppe Australier, die ebenfalls am Campspot anwesend sind, unterhalte ich mich einige Zeit, und nach einer Weile bieten die weit gereisten und schon ordentlich betagten Rentner mir ganz von sich aus Nahrungsmittel an: Je zwei Eier, Äpfel, Orangen, Schokolade und Fertignahrung. Völlig überrascht über diese Großzügigkeit, man bedenke, dieser Warenkorb hat hier selbst in den Städten einen Wert von 40€, stelle ich fest, dass unserem Tourenstart morgen früh nichts mehr im Wege steht.Um 5 Uhr im ersten Schimmer von Dämmerung brechen wir auf, schleichen uns hinter der Rangerstation vorbei und schlagen uns die nächsten zwei Stunden durch dichten Wald in Richtung des Tales, dem wir folgen wollen.

Eine Flussüberquerung und manche dichteren Gebüsche zwingen uns zu Umwegen, dann aber erreichen wir die Sohle des Hochtals, bedeckt von kleinen Tümpeln klaren Wassers, dicken Teppichen aus Moosen und Heidekräutern, auf denen man bei jedem Schritt tief einsackt und einigen vereinzelten, hier nichtmehr sonderlich hohen Südbuchen. Felsig brechen die auf ihren Häuptern flachen Berge ins Tal hinein ab, und der Fluss, der sich durch den roséfarbenen Granit seinen Weg bahnt, bildet kleine Becken, die bei anderen Temperaturen zum Baden einladen würden. Bald gelangen wir an einen Pass, wo sich die Landschaft erneut stark wandelt.

Nicht nur empfängt uns unnachgiebiger Wind, auch breitet sich vor uns eine weite steinige Hochfläche aus, umrahmt von einigen Gletscherbergen. Mich erinnert die Landschaft sehr an Teile der Wind River Range. Die Hochebene durchquert, erwartet uns eine neue Steilstufe, diesmal in steilem Geröll und dahinter ein noch viel weiteres Hochplateau mit unfassbaren Dimensionen. Auf einer Anhöhe tauchen am Horizont die stark vergletscherten Gebirgszüge des Grenzkamms zu Chile auf, sowie einige Seen, die sich kilometerlang unter uns ausbreiten. Dank unserer Karte wissen wir, dass zu einem derer ein Wanderweg von einer Estancia, die nur per Boot erreichbar ist, führt. Ranger und uns denunzierend Touristen fürchtend warten wir den restlichen Nachmittag ab, um die verbleibenden acht Kilometer der Hochebene erst am Abend zu durchqueren, um so allen anderen Besuchern aus dem Weg zu gehen.Der Wind nimmt an Stärke zu und der Abend beginnt hereinzubrechen, als wir uns an die Durchquerung des restlichen Hochplateaus geben.

Für 5km folgen wir den Ufern eines ausgedehnten Sees, darüber einige felsige Gletscherberge, zum Großteil aber abgerundete Kuppen aus schwarzem Geröll. Wir kommen uns vor wie im tibetischen Hochland. Für eine Weile sind es nur das Rauschen des Windes und der stete Wellengang, die uns auf unserem einsamen Weg begleiten. Gelegentlich entspringt eine Quelle in der ansonsten kargen, nur an Fossilien reichen Oberfläche, dann schimmern dichte Teppiche aus Moosen auf den dunklen Felsen überall dort, wo ein Wasserlauf rinnt. Ein betörender, Anis ähnelnder Duft geht von diesen aus, der so gar nicht in diese Einöde zu passen scheint. Es ist bereits kurz vor 20 Uhr, als wir den See und die Hochebene endlich hinter uns lassen.

Vor uns erstreckt sich das weite Tal eines Gletschers, Kilometer breit und teils mit Eis gefüllt, dahinter die Berge an der Grenze zu Chile. Nach einer weiteren Stunde des Abstiegs, heute ist es Romain, dem die Kraft ausgeht, schlagen wir an einem größeren Fluss unser Lager auf. Mit diesem tut sich direkt das nächste Hindernis auf, denn morgen geht unsere Tour auf seiner anderen Seite weiter. Entweder wir können ihn furten oder wir müssen erneut 500 Höhenmeter aufsteigen in eben jene Bergregion, aus der wir heute gekommen sind. Diese Perspektive lässt mich unruhig schlafen, auch die knappe Ration von 250g Pasta trägt wenig zur Sättigung bei. Die größte Enttäuschung aber eröffnet sich, als ich das vermeintliche Öl darüber gieße. Essig statt Öl habe ich teuerst erworben und ein halbes Kilogramm dessen unnötig tagelang mit mir herumgeschleppt. Hier oben ohne Gemüse ist dieser vollkommen nutzlos, jedenfalls ist er in den Nudeln keine Bereicherung, so viel kann ich garantieren.Fünf mal überquere ich den Fluss, einmal zum Testen, ob ich der Strömung standhalten kann, zwei weitere Male mit dem Gepäck. Er ist zwar 12m breit, geht uns an dieser Stelle aber nur bis ans Knie und ist harmlos zu überwinden. Im Zickzackkurs die Bergflanke querend, häufig gezwungen weite Umwege aufgrund von Dickichten, Felsstufen oder Schluchten einzuschlagen, nähern wir uns langsam dem Tal des Rio Norte an. In dieser Gegend weiden Kühe, die Flora der ansonsten dichten Moose und Flechten, dem federnden Untergrund und den Feuchtwiesen ist völlig zerstört. Dazu kommt die außerordentliche Trockenheit, in Folge derer die meisten der kleineren Seen und Tümpel kaum Wasser führen. Nach zwei Stunden erreichen wir eine Anhöhe aus gletschergeschliffenen Felsplatten. Einige gigantische Felsblöcke liegen wie von magischer Kraft dort verstreut. Noch zeigen sich die Gletscher, die sie hierhergetragen haben am Horizont, dazwischen zahlreiche Seen und Felslandschaften. Wäre es etwas wärmer, böten die in kleinen Wasserfällen und Gumpen herabströmenden Bächlein eingefasst von Moosen und mannshohen Südbuchen ein liebliches Bild, mit dem uns entgegenpeitschenden Wind und den dunklen Wolken aber kommt uns dieser Landstrich rau und unwirtlich vor. Später am Mittag zeigt sich die Sonne. Wir treffen auf einen Viehtreiberpfad und sind fortan etwas beunruhigt, wir könnten auf diesem Rangern begegnen, die uns sicherlich augenblicklich aus diese grandiosen Umgebung verbannen würden. Nicht selten bin ich erstaunt, wie zuverlässig meine per Satellitenbild erstellte Route durch das komplexe Terrain aus Felsstufen und Wald hindurchleitet und den leichtesten Weg findet. Mit der Ankunft im Tal des Rio Norte wandelt sich unsere Umgebung. Das tief eingeschnittene Tal ist eingefasst von hohen Felswänden, die den Wind abschirmen. Große Südbuchen gedeihen an seinem Grund an den Ufern eines mächtigen, mal sich gemächlich talabwärts schlängelnden, mal in Stromschnellen herabtosenden Gletscherflusses. Darüber befindet sich eine der höchsten Felswände Patagoniens, besetzt mit einigen Hängegletschern, die fast bis zu uns hinabreichen. Auch wenn ein dünner sich gelegentlich verlierender Pfad vorhanden ist, kommen wir bald nur noch langsam voran. Für den Folgetag kündigt sich schlechtes Wetter an, sodass wir es heute noch möglichst weit schaffen wollen, doch 18km wegloses Gelände im Wald und die Wälder hier sind keinesfalls mit unseren aufgeräumten europäischen zu vergleichen, lassen uns wieder volle 10 Stunden unterwegs sein, sodass wir überaus erschöpft am vorhergesehenen Lagerplatz oberhalb einer Moräne und des Sees, in den ein 2000 m hoher Gletscher am Gipfel des Cerro Norte entspringend mündet, ankommen. So beeindruckend der Eisfall ist, uns ist die Größe der Pasta Ration im Moment wichtiger

Ein Kommentar

  1. Nicola Buttgereit

    Lieber Sascha, wieder grandios erzählt, spannend wie ein Roman.
    Ich stelle wieder einmal fest, dass das Alles so gar nichts für mich wäre, weder heute noch in deinemAlter. Zu gefährlich, zu einsam, zu zu von allem.
    Daher genieße ich es, dies lesen und erleben zu können
    Bitte passe wirklich auf, dass ihr nicht erwischt werdet. Wir habe. Das gestern Ei Omi einmal gegoogelt und die Strafensi d drakonisch.
    Fühle dich umarmt.

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