3. Bergtour auf den Mojon Rojo

Eine anstrengende aber schöne Etappe bringt mich ins Camp am Fuße der Ostflanke vom Fitzroy Massiv. Es wird spät, bis ich dort ankomme. Das Camp, eine Ansammlung von Zelten in der gerölligen Flanke hat sich bereits deutlich gefüllt, zwei Dutzend Menschen wollen von hier aus am folgenden Morgen in die höheren Bergregionen aufbrechen. Ich frage alle, ob ich mich ihnen anschließen dürfe und bekomme von allen eine Absage.

Schon nach Sonnenuntergang kommt noch eine letzte Seilschaft aufgestiegen. Es sind zwei Deutsche, mit ihren hölzernen Wanderstöcken und unförmigen Baumwollrucksäcken wirken sie mir zwar reichlich bizarr, aber auch sie frage ich, was ihr Ziel für den kommenden Tag sei und ob wir uns zusammen tun könnten. Zum ersten Mal bekomme ich keine Absage, und da die beiden sympathisch sind, beschließen wir am nächsten Tag gemeinsam auf den Mojon Rojo zu steigen, auch wenn dies eine Wanderung ist, und keinesfalls die Klettertour, die ich mir erhofft hatte.

Wie immer bei wolkenlosem Himmel bin ich am nächsten Morgen zu Tagesanbruch wach, das ist hier gegen 5:00 Uhr, bis meine Mitstreiter sich entscheiden loszugehen, bis es allerdings acht und alle anderen Gruppen schon längst davongezogen sind. Der Umstand, dass sie mich gestern an ihrem Abendessen haben teilhaben lassen, allerdings mildert meinen Unmut, denn Reis mit Fischkonserven und Knoblauch gebraten in Butter wäre zumindest mit El Chalten als Talort eine absolut unerschwingliche Mahlzeit für mich. Als wir dann endlich losgegangen sind, überwinden wir schnell die letzten Geröllfelder und betreten das verbliebene Gletscherstück. Ganz offensichtlich bin ich es, der hier eher zur Sicherheit meiner Begleiter beiträgt, als umgekehrt, wie es eigentlich sein sollte, wenn man als Alternative abwägt, alleine oder in Seilschaft über einen Gletscher zu gehen. Den kleinen Gipfel, wenn man diese Erhebung im Grat überhaupt so nennen möchte, besonders im Vergleich zu den vollendeten Bergriesen daneben wirkt sie von verschwindender Bedeutung, erreichen wir durch ein Schneecouloir und zuletzt mittels leichter Blockkletterei.

Da ich meine Begleiter nicht davon überzeugen kann, dass es auf der Ostseite ein leichteren Aufstieg zum Gipfel gibt, wählen wir die Route über den Südgrat, wo man tatsächlich kurz einen Vierer klettern muss, wo ich für die beiden ein Seil anbringe.

In dieser Höhe sind die Schneefälle der vergangenen Tage gänzlich liegen geblieben, und so ist alles bis auf die steileren Felsstufen von einer 15 cm dicken Schneeschicht bedeckt. Den Gipfel erreicht, bin ich doch sehr überrascht von der großartigen Kulisse.

Wir sind auf einem Aussichtspunkt ersten Ranges, das Fitzroy Massiv im Norden wartet mit einigen der steilsten Wände und schwersten Kletterrouten überhaupt auf, daneben reiht sich der Cerro Electrico, von dieser Seite stark vergletschert, dessen Gipfel ich vor einigen Tagen erreichte, auf, im Osten nichts als die endlose Pampa. In unserem unmittelbaren Westen hingegen befindet sich einer der beeindruckendsten Steilabbrüche, an dem ich je gestanden habe, kompromisslos senkrecht geht es von der Gratschneide hinab bis auf den Torre Gletscher.

Über eben diesem Abgrund erklettere ich den höchsten Gipfelblock, und dafür sind durchaus 4 m im fünften Grad ohne Sicherung zu überwinden. Lange lasse ich den Blick schweifen, mal hängt er sich auf an den Eisabbrüchen, mal am
Cerro Torre. Die Berge hier entziehen sich den gewöhnlichen Normen und dem, was sich in Worte fassen lässt.

Der Abstieg bis zurück in die Zivilisation ist weit. Unterwegs nehmen wir ein Bad in der 9° kalten türkis unter den Eisabbrüchen weiter oben erstrahlenden Laguna Sucia, dann eilen wir über Touristenpfade weiter, die unglaubliche Fülle an Menschen lässt sich nur darüber vergessen, dass wir uns angeregt unterhalten, meine beiden Begleiter waren kürzlich jeweils für ein Jahr in Südamerika und können so von so mancher erstaunlicher Erfahrung berichten. Als schwierig gestaltet sich das Überholen der Touristenkolonnen, teils über 50 Köpfe zählend, was nur unter dem Erdulden von Beschimpfung und großer Beschleunigung bei den wenigen breiteren Passagen des Weges möglich ist. Es ist natürlich gegen jeden verbliebenen Anstand, wenn Barbaren wie wir daher kommen, und jemandes Platzes in der Kolonne und damit den Zeitpunkt, wann man El Chalten erreichen kann, streitig machen.

Die beiden Deutschen fliegen am folgenden Tag weiter, so verabschiede ich mich gegen Mittag und trampe nach El Calafate, wo ich zum Perito Moreno Gletscher will. Wärend ich die ersten 300 km mit einem einzigen Lift überwinde, gestalten sich die folgenden 70 bis zur Glezscherzunge als Odyssey. Ganze zweieinhalb Stunden stehe ich am Abend am Ortsausgang, ohne von der Stelle zu kommen. Schließlich hat einer der im Stundentakt vorbeikommenden Busfahrer Erbarmen und fährt mich noch aus der Stadt heraus, in eine Gegend, wo ich campieren kann. Um von der Straße wegzukommen, muss ich aber zunächst einen der Weidezäune mit siebenfachem Stacheldraht überwinden, beinah ergeht es mir so wie den zahlreichen Guanacos, die als ausgedörrte Kadaver in den Drähten hängen bleiben, dann komme ich aber doch nur mit einem Riss in meiner mal wieder einzigen Hose für die nächsten Monate davon. Dann aber bin ich ganz zufrieden mit meinem Platz in der Pampa, mitten im Nirgendwo. Ich bette mich auf eine der Sanddünen und sehe der Sonne beim Untergehen zu, nur um mein Zelt aufzubauen, ist es zu windig und zu sandig. Nachts habe ich das erste Mal Blick auf die Milchstraße, aber das galaktische Zentrum steht so hoch am Himmel, dass es für Fotos ohne Ultraweirwinkelobjektiv ungeeignet ist. Irgendwann höre ich ein nahendes Motorengeräusch und dieses plötzlich verstummen, nicht weit von mir. Doch selbst, wenn der Großgrundbesitzer nun Jagd auf Camper auf seinem Land machen wollte, bin ich quasi unauffindbar, auf dem Boden liegend in einer Senke zwischen einigen Dornensträuchern.

Am nächsten Morgen probiere ich wieder mein Glück, trampend den Gletscher zu erreichen. Man sollte meinen, wenn man mitten im Nirgendwo steht und nach einer Mitfahrgelegenheit sucht, sollte dies einfach sein, doch auch nun warte ich eine volle Stunde. Vor der Eingangspforte in den Nationalpark steige ich wie geplant aus und umgehe diese im Wald. Auch wenn hier extensive Weidewirtschaft stattfindet, stehen noch immer einige gewaltige Südbuchen, ihre Stämme messen im Querschnitt oft über anderthalb Meter, auch wenn häufig fast der ganze Baum abgestorben ist und nur noch einige grüne Triebe zwischen den kahlen Astgerippen hindurchschimmern. Die nahende Entwaldung ist absehbar. Zum ersten Mal auf der Reise ist es richtig warm und ich erinnere mich, dass hier eigentlich Hochsommer herrscht. Nach einer Weile treffe ich wieder auf die Straße. Kurvenreich führt diese hier über dem Seeufer entlang und so idyllisch der Ort ist, eine günstige Stelle, von der ich per Anhalter abfahren kann, finde ich nicht. Wieder braucht es eine Stunde, bis sich jemand meiner erbarmt. Diesmal sind es Argentinier, die mich auf der Pritsche ihres Pickups mitfahren lassen. Ich bin froh, endlich von der Stelle zu kommen und genieße die aussichtsreiche Fahrt umso mehr.

Bald tauchen Eisberge auf dem Wasser auf, was so gar nicht zu den Sommergefühlen von einer halben Stunde zuvor passt. Dann bedeutet mir mein Fahrer auszusteigen, es gibt einen zweiten Kontrollpunkt, von dem ich nichts wusste. Diesen umgehe ich durch sumpfiges Gelände, fürchte schon, im Moor für immer zu verschwinden, erreiche aber doch trockenen Fußes wieder festen Grund. Dort beginnt der Hürdenlauf erst so richtig, das Unterholz ist dicht und dornig, der Boden oft nicht zu erkennen und nur dort, wo umgestürzte Bäume liegen, die in meine Richtung weisen, kann ich einige Meter unbeschwert gehen. 2 Stunden stapfe ich so durch den Wald. Als ich mich frage, was zur Hölle ich hier tue, lichtet sich auf einmal der Blick und ich stehe vor dem Gletscher, der in den See hinein abbricht.

Die Touristenmassen, täglich werden hier einige 1000 Menschen durchgeschleust, höre ich nur in der Ferne, so kann ich das Spektakel der immer wieder kalbenden Eisberge in Einsamkeit genießen.

Gelegentlich staut der Gletscher, einen großen Teil des Sees auf, bis der Wasserdruck zu hoch wird, sodass der nahe gelegene Uferbereich frei von Vegetation ist, was mir auf anderer Route einen mühelosen Rückweg beschert. Nur wenn eines der zahlreichen Touristenboote, die an das Eis heranfahren, sich nähert, muss ich schnell Deckung suchen, denn das, was ich tue, weglos in einem Nationalpark laufen ohne Eintritt gezahlt zu haben, ist wohl auch in Argentinien hochgradig illegal.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert