6. Grenzübergänge und ein gebrochenes Rucksack Tragegestell

Die letzten Tage nach unserem fordernden Wüstentrekking waren recht ereignislos. Zwar hatten wir gutes Wetter, aber die geplante Durchquerung des Inlandeisfeldes um den Cerro Torre herum habe ich uns in letzter Minute aus mehreren Gründen abbrechen lassen. Zuallererst hatte Romain ein zu kurzes Seil eingepackt, sich ebenso wenig mit Spaltenbergungsmethoden beschäftigt. Vielleicht war, was letzteres betrifft, unsere Kommunikation nicht klar genug. Als Bergsteiger hatte ich dies für selbstverständlich gehalten und erwartet, dass auch jeder andere, der sich über Gletscher bewegt, dies tut. Mit den uns verbliebenen 30 m Seil einen hinreichenden Flaschenzug bauen zu können, halte ich zwar nicht für unmöglich, würde das aber lieber ausprobiert haben, ehe es zum Präzedenzfall bei einem Spaltensturz käme. Schließlich, vom Gletscher noch weit entfernt, stoppte eine ernstere Flussüberquerung unser Fortkommen, noch ehe wir in alpines Terrain vordringen konnten. Von daher endet die erste Etappe der Reise hier. Weiter soll uns unsere Route nach Norden in die vegetationsreichen und schwer zugänglichen Wälder der Provinz O Higgins führen.

Eine ganze Weile benötigen wir, alle Einkäufe in den Rucksäcken zu verstauen. Als wir es endlich geschafft haben, sind wir beim Trampen schnell erfolgreich. Ein spanisches Paar nimmt uns die ganze Strecke bis zum Lago Desierto mit und dies benötigt eine Weile, wenn man mit der Limousine nur mit 30 km/h über die Schotterstraße fährt. Am Straßenrand zeigen sich malerische Wälder, stille Seen und ein türkisfarbener Fluss, der zum Verweilen einlüde, doch das tut hier in den Bergen abseits der Pampa und der Touristenmassen fast jeder Ort. Noch einmal grüßt am Horizont der Fitzroy. Erst jetzt kurz vor Mittag kündigt eine graue Wolkenfahne an seiner schlanken Spitze die Wetteränderung an. Mal wieder hätte man ihn erklettern können, zumindest das Wetter hätte gepasst. Ob ich je zurückkehren werde? Immer häufiger stelle ich mir diese Frage und wenn ich sie in den ersten Tagen klar mit ja beantwortete, bin ich mir nun nicht mehr so sicher. Kletterpartner findet man nicht auf der Straße, erst recht nicht solche, für Touren wie den Fitzroy. Da scheint es wie ein schlechter Scherz, dass man in diesem Touristennest Chalten von fast jedem gefragt wird „Have you been to Fitzroy?“ ergänzt um „We‘ve done it. Has been beautiful“. Inzwischen habe ich aufgehört, mich zu fragen, ob ich andauernd verkappten Bergsteigern über den Weg laufe. Definitionen von am Gipfel gewesen sein, können offensichtlich divergieren. Vielleicht sollte ich ganz in diesem Sinne sagen „Patagonia, I‘ve seen it“ und könnte beruhigt wieder abreisen, auch ohne einen einzigen alpinen Trek oder eine Klettertour absolviert zu haben.

Der Lago Desierto ist wunderschön und heitert sogleich die Stimmung auf. Rundum in ursprünglichsten Wald eingefasst, der schönste Regenwald, den ich seit Kanada bewandert habe, kommt es mir bald in den Sinn.

Er ist von bestechender Farbe aus einer Mischung von dunklen Blau- und Grüntönen, wie sie nur möglich wird durch das stark verdünnte Schmelzwasser der Gletscher weiter oben. Diese wären gewiss ein Ziel für sich, doch kommen von der Wetteränderung abgesehen diese ebenso wenig in Frage aus selbigen Gründen wie die Durchquerung des Inlandeisfeldes. Eine Weile führt uns der Weg in anfangs munterem, schnell erschöpfendem Auf und Ab am Ufer entlang, dann gewinnt er an Höhe und das Wetter trübt sich ein. Im leichten Nieselregen erreichen wir den argentinischen Grenzposten am Ende des Sees am frühen Nachmittag. Hier werden wir aufgehalten, weil wir nicht im Niemandsland zwischen den Staaten übernachten dürfen. Dies bedeutet für den Folgetag nicht nur eine lange Etappe von 24 km, sondern auch eine Nacht auf der Wiese vor dem Grenzposten, die von Enten wie Touristen gleichermaßen überbevölkert ist, mit ähnlichen Folgen. 

Die Nacht über regnet es viel und mein Schlafsack ist am Morgen so nass, dass ich mich frage, ob er je wieder werden wird wie zuvor, wenn man bedenkt, wie empfindlich Daune ist. Als erste stehen wir um Punkt 8 Uhr an der Türschwelle des Grenzpostens und haben Augenblicke später die notwendigen Stempel im Pass und dürfen weiter. Allmählich endet der Regen und die Wolken lichten sich. Über schlammigen Grund stapfen wir durch den Südbuchenwald aufwärts in Richtung Chile. Ohne Rucksack wäre dies ein spannender botanischer Spaziergang, doch so sind wir froh, über jede Handvoll geschaffter Kilometer auch wenn das Terrain flach und leicht passierbar ist, von einigen umgestürzten Bäumen abgesehen. Auf chilenischer Seite empfängt uns eine Straße, Verkehr ist dort jedoch keiner, weil diese nur über eine Fährstrecke erreichbar ist. Ein gigantischer Flugplatz wirkt noch deplatzierter als die breite Schotterpiste, der wir durch meist abgeholzte oder abgebrannte Wälder folgen. Um 13 Uhr, zum ersten Mal waren wir auch was die Kilometerleistung betrifft halbwegs flott, erreichen wir den Grenzposten Chiles. Dieser Grenzübertritt dauert deutlich länger, letztlich lässt man uns aber ziehen, glücklicherweise, ohne unsere Rucksäcke nach frischen Lebensmitteln zu durchsuchen, sonst wären wir des Zwiebelschmuggels verurteilt worden. Unsere zwei Zwiebeln sind uns dann Mittagsmahl an der Bootsanlegestelle. Beim Öffnen des Rucksacks erleide ich den bisher größten Schock dieser Reise und so manch anderer auch. 

Das Tragegestell des Rucksacks ist gebrochen an einer Stelle, wo es kompliziert zu reparieren ist.

Ein Rucksack ist das Schlimmste, das beim Reisen kaputtgehen kann. Ohne ihn hat man einen Berg Einzelteile, die nicht von A nach B zu tragen sind, die entweder in Form von Lebensmitteln und Wasser permanent notwendig sind oder aber aus teuren Ausrüstungsgegenständen bestehen, die früher oder später lebensnotwendig werden. Ich trage im Schnitt 25 kg mit mir herum und auch wenn dies scheinen mag, als wäre es viel, soll an einigen Beispielen verdeutlicht sein, wie minimalistisch ich unterwegs bin: Die Zahnbürste ist abgesägt, zwei T-Shirts müssen genügen, ebenso zwei Paar Socken, einmal Unterwäsche ist noch übrig (und das trage ich), tagein, tagaus trage ich immer dasselbe Paar steigeisenfester Bergschuhe, ob bei Hitze oder Stadtspaziergängen und meine grundsätzliche Regel beim Upgrade von Ausrüstung ist, 50 € pro 100 g gespartes Gewicht sind es wert.

Eine Aufstellung meiner Ausrüstung, die nach drei Wochen Trekking defekt oder teildefekt ist umfasst beide Stöcke, Bergschuhe, Solarzelle, Powerbank, Handyladebuchse und nun auch noch den Rucksack.

Entweder ich finde eine Lösung, das Tragegestell in O Higgins zu reparieren, dem nächsten und nennenswertesten Dorf in 500 km Umkreis diesseits der Grenze, auch wenn es keine 100 Häuser vorweisen kann, oder die Reise ist hier für mich zu Ende bzw. ich kann mich in irgendeinem Loch verkriechen bis Andrea kommt. Für die Fährfahrt von ca. 25 km dürfen wir 120 € hinblättern. Chile könnte, was die Preise betrifft, das argentinische Patagonien noch übertreffen. Erschöpft und zumindest ich demoralisiert erreichen wir die besagte Ortschaft und finden sogar einen günstigen Schlafplatz unweit des Ortes.

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