2. An den Fuß des Cerro Torre

Zunächst vielen Dank für eure netten Kommentare! Eine ganze Weile hat es gebraucht, dass ich wieder von mir hören lasse, was zwei Umständen geschuldet ist. Erstens, dass ich Strom, sprich Sonnenschein zum Schreiben auf dem Handy brauche, zweitens, dass die Tage an denen ich eine Internetverbindung habe, selten sind.

Am nächsten Morgen sind die höheren Gipfel neuschneeüberzuckert. Ich rechne damit, dass auch bei mir bald stärkere Regenfälle einsetzen werden, doch nach einem kleinen Guss klart es auf und bleibt den ganzen Vormittag schön. Am Nachmittag bei etwas unbeständigem Wetter verkrieche ich mich dann ins Zelt.

Der folgende Tag beginnt trocken, doch regenschwere Sturmwolken werden über den Himmel gepeitscht. So beginne ich den Abstieg zurück in die Zivilisation. Der Wind wird immer stärker, während ich anfangs noch belustig darüber bin, mich einfach so vorwärts treiben lassen zu können, bloß die Füße braucht man noch bewegen, aber keinerlei Muskeln mehr anspannen, wenn eine günstige Böe kommt und schon hat man 10 m ohne Kraftanstrengung zurückgelegt, wird es bald zum Kampf gegen die Elemente, überhaupt noch irgendwie voranzukommen. Inzwischen habe ich den autobahnähnlichen Hauptweg erreicht, unterwegs ist darauf bei diesem Wetter allerdings niemand mehr. Bei Böen von weit über 100 KMH werde ich oft aus dem Stand gerissen und taumele abwärts. Grotesk müssen meine Bewegungen für jeden außenstehenden Betrachter wirken. Ich muss Acht geben auf meine Ausrüstung, alles was nicht niet- und nagelfest oder an mir verankert ist, fliegt sofort weg. Selbst die Trekkingstöcke muss ich festhalten. Mit dem Erreichen des Tales bessert sich das Wetter, meist schaffen es die Regenwolken nur bis an den Rand der Berge, nicht aber in die wüstenähnliche Pampa. Lange suche ich nach einem Schlafplatz nahe El Chalten, nach Stunden werde ich fündig. Ein trockener Felsüberhang gewährleistet mir auch bei diesem Wetterbedingungen, denn nun fängt es auch hier an zu regnen, Schutz vor den aufbegehren Elementen.

Den Nachmittag verbringe ich in einem Restaurant, treffe dort einen anderen Reisenden und Höhenbergsteiger aus Deutschland, der mir ausführlich von seinen Expeditionen nach Russland berichtet und mich großzügiger Weise auf ein gigantisches, aber ebenso trockenes und geschmackloses argentinisches Steak einlädt.

Auch wenn ich den schlimmsten Regen vorerst ausgesessen habe, bleibt das Wetter instabil, und an höhere Berge ist nicht zu denken. Von meinem Felsüberhang starte ich trotzdem morgens bei strahlendenstem blauen Himmel, zum Sonnenaufgang. Als die Sonne die Wipfel der Bäume ringsum streift, beginnt alles grün golden zu leuchten. Am ersten Aussichtspunkt ist dann aber auch schon Schluss für mich, von den Bergen her ziehen dichte Wolken heran, Regenschlieren verhüllen schon den Cerro Solo, daran den Cerro Torre zu sehen, braucht man gar nicht mal denken. Eine Weile sitze ich da, warte ab, dann gesellen sich zwei Kolumbianer zu mir, in weißen Hemden und Jeans. Auch wenn sie für mich hier ziemlich deplatziert wirken, ist es doch eine interessante Unterhaltung, ihre Sichtweise auf die Monetarisierung des Parkes, trotz ihres sehr verschiedenen Hintergrundes, ist gar nicht so anders als die meine.

Regen kündigt sich nun auch an meinem Standort an, da ich noch nicht wieder nach El Chalten zurück will, baue ich an Ort und Stelle von den Blicken der Besucher auf dem Wanderweg abgeschirmt mein Zelt auf. Eine Weile später gehe ich in weitem Bogen weglos durch den Wald zurück in Richtung Ort, passiere dabei zwei kleinere Seen und vor allen Dingen über Kilometer den fabelhaften Südbuchenwald, ohne auch nur auf ein Anzeichen zu stoßen, dass auf menschliche Spuren hindeuten würde. Die Regenpause findet ein rasches Ende und in mal stärkerem mal schwächerem Niederschlag erledige ich die notwendigen Besorgungen von Proviant und Benzin. Für Letzteres muss ich gute sechs km laufen. So ist eben das Leben ohne Auto.

Neuer Tag, neues Glück für heute sind drei statt zwei Sonnenstunden angemeldet und der Regen soll nicht gar so stark sein. Grund genug, erneut zu versuchen, die Laguna Torre bei Sicht zu erreichen. Dementsprechend sind meine ersten 5 km die selben wie am Vortag, nur das mir an eben diesem Aussichtspunkt heute die Kinnlade herunterfällt und ich vermutlich mal wieder einen ähnlich sinnvollen Kommentar abgebe, wie „das ist ein Berg“.

Man kann einige der großen Gebirge der Welt gesehen haben, aber noch nie einer Wand aus Fels und Eis wie jener vom Cerro Torre und seinen Trabanten begegnet zu sein. Noch immer ist der Himmel von keiner Wolke getrübt und die Berge darunter heben sich wunderbar klar ab, ihre Konturen scharf umrissen vom Neuschnee der vergangenen Tage. Sie strahlen so hell, so erhaben ist dieser Anblick, dass ich fortan, wann immer der Weg und meine Kondition es zulassen, in Laufschritt verfalle, mein Ziel klar vor Augen. Trotzdem ziehen sich die 10 km außerordentlich in die Länge. Allmählich wächst die Riesenmauer vor mir weiter in den Himmel empor und gewinnt an Dreidimensionalität. Grate, Täler und Flanken kommen zum Vorschein, sodass die Gipfel nun vielmehr isoliert voneinander stehen, einer allen voran, der Cerro Torre, der zweitschwierigste Gipfel im weiten Rund und einer der schwierigsten in ganz Südamerika. Trotz der frühen Stunde beginnt der Wanderweg, sich langsam zu füllen, da kommt es mir sehr gelegen, dass ich diesen über eine Seilbrücke verlassen kann. Gelegentlich hilft man sich in Patagonien derart, um reißende Flüsse zu überbrücken. Ohne Seilrolle, die ist nämlich auf der anderen Seite und nur mit einem Karabiner ins Seil geclipt, erfordert dies erstaunlich viel Kraft, zumindest mit dem schweren Rucksack, da man vollkommen kopfüber, wie an einem 90° Überhang, sich mit den Armen ans andere Ufer ziehen muss.

Zweimal muss ich hinüber, um die Gesamtheit meines Gepäcks zu bewältigen. Anschließend ist der Pfad kaum noch begangen und führt durch ein Waldstück, das sich an die steile Flanke zwischen dem Gletschersee weiter unten und den eisigen Gipfeln darüber schmiegt, empor.
Ich biege um eine Kurve und erreiche die dem Gletscher zugewandte Bergflanke. Augenblicklich erfasst mich so starker Wind, dass ich einige Schritte rückwärts mache. Daran hier oder gar weiter oben auf dem Eis zu zelten, ist nicht zu denken, zumal ein Schlechtwettertag ansteht. Da sich auch nun schon die Berge mehr und mehr in der aufziehenden Bevölkerung verlieren, trete ich den Rückweg zum letzten brauchbaren Lagerplatz im Wald an. Dort schlage ich mein Zelt auf und verkrieche mich bald darin, da es trotz der geringen Höhe im einsetzenden Nieselregen ungemütlich wird.

An dieser Situation ändert sich am Folgetag wenig. Es ist kalt, mein Daunenschlafsack isoliert nicht mehr gut und obwohl es nachts nur 4° sind, friere ich. Den ganzen Tag über regnet es, nicht ununterbrochen, aber doch häufig genug, dass ich das Zelt nie länger als für wenige Minuten verlasse. Zudem stürmt es, die Südbuchen, erweisen sich zwar wieder als ausgezeichnete Windbrecher, so manche Sturmböen heult zwar wenige Meter über mir durch die Luft, lässt die Zeltplane aber fast unbewegt, weniger erfreulich aber ist, dass sich durch den intensiven Niederschlag der Boden unter meinem Zelt wie auch ringsherum allmählich in eine einzige große Matschfläche verwandelt, sodass alles dreckig wird. Zum ersten Mal hinterfrage ich, ob es sinnvoll ist, im Zelt in diese Gegend zu reisen. Wofür Tausende von Euros ausgeben, wenn man dann gezwungen ist, nahezu ununterbrochen 36 Stunden auf 2 m² auszuharren und Grundnahrungsmittel von weniger vielfältigem Charakter zu einem Preis konsumiert, für den einem in Deutschland die luxuriösen Zutaten nicht verwehrt blieben.


Auch am nächsten Tage ist das Wetter bescheiden, ein kräftiger Regenschauer weckt mich bereits um 6 Uhr, doch bleibt die Hoffnung auf Wetterbesserung bestehen. Deshalb und weil mir die Zeit ausgeht, wenn das Wetter und die Kletterpartner es denn zu lassen, die ich noch in El Chalten zum Klettern zu Verfügung habe, will ich einen letzten Vorstoß in Richtung Gletscher wagen. Am Morgen zeichnet sich ein Schönwetterfenster ab, um währenddessen klettern zu können, müsste ich aber auf die Ostseite des Fitzroy Massives gelangen, so bleiben mir für meine Gletscherexkursion nur die Morgenstunden, da ich ansonsten die restliche Etappe nicht mehr am heutigen Tag bewältigen könnte.

Noch hängt der Cerro Torre in Wolken, aber selbst unterhalb der Wolkendecke lässt sich erkennen, dass es 400 m oberhalb von meinem Lagerplatz kräftig geschneit hat.

Die zunehmend erodierende Gletschermoräne oberhalb umgehend, der Gletscher hat hier bereits 400 m an Dicke verloren, wandere ich weiter das Teil hinauf. Durch die sich lichtenden Wolken kann ich den Cerro Torre erkennen, eine unglaublich schmale Felsnadel, die sich durch ihre Eleganz von jedem anderen Berg der Erde abhebt. Ihr Sockel fußt in Gletschern, darüber streben glatte, ebenmäßige Granitwände 1000 m empor, dort wo sie nicht 90° steil sind, bedeckt von frischem Schnee, zu oberst gekrönt vom Gipfeleispilz. Insgeheim hatte ich gehofft, im Tal zu meinen Füßen im Camp andere Kletterer vorzufinden, doch die gesamte Bergwelt um mich herum ist einsam, vollkommenen leer und still, bis auf das gelegentliche Krachen der Seracs oder des Steinschlags aus den Steilwänden.


Da ich wenig optimistisch bin, hier noch jemanden zum Klettern anzutreffen und die Routen ohnehin sehr schwer sind, will ich den restlichen Tag nutzen, um an die Ostseite des Fitzroy zu wechseln.

Der Abstieg am anderen Seeufer scheint durch die starke Erosion der Gletschermoräne verschwunden zu sein, daher muss ich auf selbem Wege wieder zurück. Kurz nachdem ich die Seilbrücke am Fluss überquert habe, kommt mir eine Gruppe von Kletterern entgegen. Ich muss zugeben, ich beneide sie für das, was sie tun, beziehungsweise tun können, und frage mich, wie viel sich verändert hat in den letzten zehn Jahren, im Vergleich zu der Zeit, als ich in den Bergen stets bewundernd jenen nachschaute, die dort hinaufstiegen, wo es für mich zu steil wurde.

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