Die letzte Etappe unseres ersten gemeinsamen Treks dieser Reise steht an. Sie ist zwar weit, doch angesichts der bezaubernden Landschaft und der baldigen Aussicht auf einen Supermarkt sind wir frohen Mutes. In aller Frühe brechen wir am nächsten Morgen unter aufklarendem Himmel auf. Für einen Moment spiegelt sich der 1600 Meter hohe Hängegletscher über uns in einem kleinen See in der Seitenmoräne, sodass man meinen könnte es breche ein Tag schönen Wetters heran. Dann aber frischt der Wind massiv auf, noch ehe ich ein Foto von dem hübschen Spiegelbild machen kann.

An den Gletschersee schließt sich oberhalb ein weiterer See, dieser aber von grünlicher Färbung und durch seine waldigen Ufer und Inseln viel lieblicher wirkend, an. Auch wenn das Stapfen durch das Unterholz und die Feuchtgebiete seiner Uferzonen mühsam ist, sind wir doch tief berührt von der Schönheit, die sich uns darbietet. Wir sind uns einig, eine solche Kombination von Seen, noch dazu völlig unberührt von menschlichen Eingriffen, ist uns zuvor noch nicht begegnet.

Schon schmiede ich Pläne, wiederzukehren, hier ein Lager aufzuschlagen und mögliche Kletterrouten in den Wandfluchten der Gipfel über uns auszukundschaften. Die Pfeiler aus Granit, die eine sichere Passage zwischen den Seracs erlaubten, würden sich dafür anbieten. Ein Teil des oberen Tales ist verwüstet von einer gewaltigen Lawine, dann aber wenden wir uns nach rechts und können erneut über vegetationsbedeckten Untergrund aufsteigen. Oft müssen wir dabei die hier kaum mehr kniehohen aber trotzdem schwer zu passierenden Südbuchengehölze umgehen.

Völlig unerwartet tut sich vor uns ein dritter großer See auf, der durchzogen von zahlreichen Landzungen und Inselchen den oberen Teil des Hochtales ausfüllt. Darüber gelangen wir an den Pass, der den Abstieg zum Lago Viedma vermittelt. Mir ist sogleich bewusst, dass unser bisher leichtes Fortkommen hier ein Ende haben dürfte. Viel steiler fallen auf dieser Seite die Berge direkt bis in den See hinein ab. Eine Schlucht in ihrem Grund bedeckt von dichtestem Wald führt dorthin. Ihr können wir nicht folgen bei dieser Steilheit, doch queren müssen wir sie im oberen Teil. Deutlich leichter als erwartet erreichen wir die obersten Bäume. Als wir dort dann jedoch die Querung des Hanges beginnen, merken wir schnell, dass in diesen Südbuchengestrüppen kein Denken an schnelles Vorankommen ist und sind uns einig, diese umgehen zu müssen. Schnell finde ich eine Passage über Geröll und durch einige Felsen. Noch während ich mich zu Romain umdrehe, habe ich ein ungutes Gefühl, dann sehe ich ihn stürzen. Auf einer geneigten Felsplatte hat er den Halt verloren und rutscht diese nun der Länge nach hinunter, volle 4 Meter. Sofort eile ich herbei, um ihm den Rucksack abzunehmen, dass er in eine aufrechte Position kommen kann und befürchte schon das Schlimmste. Doch er ist glücklicherweise unverletzt und schnell wieder bereit, weiterzuwandern. Trotzdem bereitet mir dieser Vorfall Kopfzerbrechen. Noch dutzende Male stolpert er an diesem Tage, kommt kaum von der Stelle und ist mental etwas neben sich.Ein weiteres Missgeschick ereignet sich auf unserem Abstieg. Darüber hinaus, dass Romain nach und nach sämtliche außen an seinem Rucksack befestigte Ausrüstung verliert. Um eine steile Traverse des Hangs zu vermeiden, steuere ich auf ein Wäldchen zu. Wir sind dem Lago Viedma, unserem Ziel schon nahe, doch nun verlieren wir uns zwei Stunden im tiefsten und dornigsten Unterholz. Schimpfend, stöhnend oder unser Leid still erduldend kämpfen wir mit den Dornen Meter für Meter. Schuhe und Hosen werden zerfetzt, noch über Tage werde ich bis zu 6mm lange Stacheln aus Füßen und Beinen zu ziehen haben. Irgendwann, ungefähr 200 Meter weiter, können wir uns in ein Sumpfgebiet retten, nur um kurz darauf vor einem an dieser Stelle völlig aus dem Nichts auftauchenden Canyon voller Vegetation mit 20m hohen Seitenwänden zu stehen. Mühsamst finden wir einen Abstieg, können den tiefsten Abschnitt nur überwinden, indem wir uns durch die Baumkronen hangeln, mit den 25kg Rucksäcken keine leichte Aufgabe. Darauf folgen 150 ebene Meter über liebliche Wiesen mit dem See im Hintergrund, dann erneut ein Canyon und das Spiel wiederholt sich. Die Moral ist am Boden bei Romain, er meint meine Routenplanung sei grauenvoll. Doch wie soll ich per Satellitenbild ausschließen können, dass unter der Vegetation verborgen auf einer Tour von 80km 400 schwierige Meter vorzufinden sind? Das ist schlicht nicht möglich. Mir war das klar, ihm offensichtlich nicht. Ein einziges Mal an diesem Tage haben wir Glück und treffen auf einen dünnen seit Jahren kaum mehr benutzten Pfad. Ihm zu folgen ist nicht leicht, doch langsam aber sicher führt er uns mit reichlich Gegenanstiegen an den Ufern des Lago Viedma entlang. Ein Feuer muss hier vor Jahren gewütet haben, alles was es zurückgelassen hat ist Dornengestrüpp und verstreut einige Steinmännchen.

Wir sind froh als wir am späten Abend an einem See ankommen, wo wir ein schnelles Bad nehmen und zu Abend essen. Abermals wunderschön liegt dieser vierte See des Tages eingebettet zwischen den Felsen und einigen Bäumen, die vom Feuer verschont geblieben sind, darunter glänzt türkis der Viedma See.Aufgrund Romains Sorge, von Rangern entdeckt zu werden, wollen wir die letzte Passage aus dem Nationalpark heraus im Dunkeln überwinden. Da wir nicht mehr genügend Nahrungsmittel haben, um einen weiteren Tag abzuwarten, dem gescheiterten Trampen auf dem Hinweg und dem Schlechtwettertag sei Dank, müssen wir heute noch bis in die Nähe der Parkgrenze gelangen, um am folgenden Tag die letzten Kilometer in der Morgendämmerung überwinden zu können. Allmählich bricht die Nacht herein. Grau bis bläulich der sich stets wandelnden Färbung des sich verdunkelnden Himmels anpassend liegt der gigantische See unter uns. Einem norwegischen Fjord gleich zieht er sich in kurvenreichen Windungen bis zu seinem anderen Ende in der Wüste 100km weit. Auch im klaren Licht der trockenen und staubfreien Luft lässt sich erkennen, dass die Entfernung bis dorthin immens ist. Diese Strecke müssen wir morgen überwinden, aber hoffentlich nicht zu Fuß, rechnen wir doch damit, dass diese Straße deutlich befahrener ist, als jene, die uns auf dem Hinweg in die Berge führte, da hier nicht nur der nahe See sondern auch die geringere Distanz zu El Chalten zu erhöhtem Tourismusaufkommen führen dürfte.Die letzten 6km zu der Landzunge, wo wir nächtigen wollen, ziehen sich unglaublich in die Länge. Gemessen sind diese natürlich in Luftlinie, wodurch die zahlreichen Buchten, die wir auslaufen müssen, vernachlässigt werden. Bei Tageslicht würde man hier liebend gern zum Baden verweilen, einige Male laufen wir für ein Stück direkt an der Wasserlinie entlang. Der Sandstrand unter dem nachtblauen Himmel, an dem die ersten Sterne erwachen, begleitet vom plätschernden Wellengang ist auch zu dieser Stunde eine harmonische Szenerie. Doch wir müssen noch einige Kilometer zurücklegen, zudem ziehen über den Bergen dunkle Wolken auf. Bis es so dunkel ist, dass wir den Pfad nicht mehr erkennen können, laufen wir, dann nochmals mit Stirnlampen eine weitere knappe Stunde im Stockfinsteren. Erst nach elf Uhr legen wir uns an Ort und Stelle mitten auf dem Weg nieder, überall sonst wäre dies aufgrund der stacheligen Sträucher nicht möglich, mit dem Plan, zumindest bis 5 Uhr zu schlafen. Daraus wird jedoch nichts, schon kurz nach Mitternacht zieht ein Sturm auf. In den 80km/h starken Wind mischen sich Regentropfen, sodass wir uns in unsere Biwaksäcke verkriechen. Daran ein Zelt bei diesen Bedingungen aufzubauen, ist kein Denken. Gegen 4 Uhr wird das Wetter erneut so schlecht, dass der einzige Ausweg darin besteht, weiterzulaufen. Noch ohne Tageslicht tasten wir uns fast blind durch das Gelände von weglosem Charakter, bis der Pfad etwas deutlicher wird, sodass wir ihm folgen können, ohne ihn alle paar Meter zu verlieren. Die Estancia umgehen wir an der Uferlinie des Sees, kurz darauf bricht der Tag an. Uns drängt sich zunehmend der Verdacht auf, dass es auf dieser Seite gar keine Rangerstation gibt und es gar nicht nötig gewesen wäre, die Parkgrenze im Dunkeln zu erreichen.Die wirklichen Schwierigkeiten beginnen aber nun erst. Vor uns liegen 75km Schotterstraße. Bis 12 Uhr ist nur ein einziges Auto vorbeigekommen und das hat Touristen von der Lodge zurückgefahren und wen wundert es noch, uns nicht mitgenommen. Wir haben keine Nahrungsmittel mehr, auch die Wasserreserven sind begrenzt und vor uns liegen noch 70km Wüste, nur von einem einzigen Fluss durchzogen nach dem ersten Drittel des Weges. Die Lodgefahrer würden uns wohl eher hier draußen sterben lassen, als uns mitzunehmen, wie leer ihre Autos auch sein mögen.

So treten wir unseren Weg zurück zur Hauptstraße zu Fuß an, marschieren stoisch weiter, gelegentlich unterstützt vom Rückenwind aus den Bergen, doch stets unter der sengenden Sonne und mit schwindenden Vorräten an Wasser. Selbst nach einer Stunde strammen Schrittes ändert sich der Horizont vor uns nur minimal, es ist als würden wir auf der Stelle gehen. Ein einziger Bus kommt uns entgegen, voll geladen mit Touristen, doch in privaten Fahrzeugen schaffen es diese offensichtlich nicht hierher. An dem Fluss füllen wir nach rund 30km ein letztes Mal unser Wasser auf und halten wenig später an dem Abzweig zu einer weiteren Estancia, in der Hoffnung, dass nun, wo drei bewohnte Gebäudekomplexe hinter uns liegen, früher oder später jemand vorbeikommen wird oder aber wir am folgenden Tage die verbleibenden 40km überwinden werden. Allerdings zollen schon die vergangenen 30km, nach dem 17h Tag davor und der zur Hälfte durchmaschierten Nacht ihren Tribut in Form von Blasen und schmerzenden Füßen. Da taucht unvermittelt ein Farmer mit seinem mit Schafen beladenen Pickup auf und auch wenn er nur bis zur nächsten Weide fährt, klagen wir ihm unser Leid. Er bedeutet uns, zu warten und bringt uns wenig später zu seinem Gehöft. Dort warten wir den restlichen Nachmittag ab, zumindest im Schatten, nur unser Hunger intensiviert sich zunehmend. Am Abend kündigen dann zwei junge Arbeiter an, dass sie uns zur Teerstrasse fahren werden. Erstaunlicherweise sind die beiden Wirtschaftsstudenten, die gutes Englisch sprechen und ihren Sommer fernab von Buenos Aires freiwillig in dieser Abgeschiedenheit verbringen. Wir sind überglücklich, aus dieser misslichen Lage befreit zu werden. Höhepunkt des Tages ist ein Puma, den unser Fahrer am Wegesrand entdeckt. Obwohl ich zuvor zusammengerechnet über die letzten Jahre 8 Monate in Pumaland verbracht habe, ist dies der erste, den ich zu Gesicht bekomme.

Romain besteht dann darauf, am Campingplatz direkt an der Straßenkreuzung zu verweilen, was ich zwar als herausgeworfenes Geld betrachte, doch er ist auch bereit die 50€ für zwei Empanadas und dafür, dass wir auf dem staubigen Wüstengrund unsere Zelte aufzuschlagen dürfen auszugeben. Fast gerettet also, denn die Nahrungsmittellage ist bei diesen Preisen noch immer prekär. Ich muss mich noch bis 11 Uhr am Folgetag gedulden, ehe wir endlich am Straßenrand stehen, um nach El Chalten zu trampen. Schließlich dort angekommen gibt es am späten Nachmittag die erste richtige Mahlzeit der letzten Tage. Unser erster Trek hat uns ordentlich gefordert, wenn auch aus unterschiedlichen Gründen. Während Romain das kurzzeitig steilere Terrain und das allgemeine Aufenthaltsverbot im Nationalpark zugesetzt haben, hat mich das Wüstentrekking in der Hitze mit den Blasen einiges gekostet. Da die nächsten geplanten Touren nicht weniger illegal und deutlich hochalpiner sein werden, sorge ich mich, inwieweit diese für uns zusammen durchführbar sind, beziehungsweise was wir stattdessen tun sollen. Nach einem zweiten und dritten Einkauf, bei denen die Pesoscheine wie Kleingeld aus den Taschen fliegen, beginnen wir, neue Pläne für die kommenden Tage zu schmieden, ehe sich die nächste Schlechtwetterfront ankündigt.