Umrundung des San Vacca
8. Bis ans Limit und darüber: Unvergeßliche Umrundung des San VaccaRomain zieht es nach Norden, auch wenn ich nun weiß, dass seine letzten Worte, ihm seien diese Gegend und diese Reise zu wild, aus schlechter Tagesform heraus geäußert wurden, so dürfte darin grundsätzlich doch etwas Wahres stecken. Auch wenn erst die Hälfte seiner Zeit vorüber ist, will er doch nur noch eine Tour am viel besuchten Cerro Castillo unternehmen ehe er nach Hause fliegt. Das bedeutet, dass die nächste gemeinsame Wanderung bereits die letzte sein könnte, weshalb zumindest diese noch mal ein Höhepunkt werden sollte. Da ich noch damit zögere, die Umrundung des Cerro San Vacca alleine anzugehen, wollen wir uns zumindest einmal die nördliche Seite des Berges ansehen, auch mit dem Ziel, dass ich mir über meine Absichten klarer werden kann, um gegebenenfalls zurückzukehren. Den Nachmittag verbringen wir zunächst im vielleicht einzigen, aber unter Reisenden äußerst angesagten Kaffee in der Ortsmitte. Das Stück Kuchen für vier Euro gönne ich mir eher nur, um meine leeren Akkus aufladen zu können und über das WLAN nach Deutschland zu kommunizieren, um meine Anmeldungen für das kommende Semester zu regeln. Wir kommen mit einer Gruppe von Australierinnen ins Gespräch. Die vier sind mit Fahrrädern auf der Carretera Austral unterwegs und für einen Moment hängen sich meine Gedanken an der Vorstellung auf, wie viel gemütlicher diese Art des Reisens wäre: Ohne kaputten Rucksack, stets in Gesellschaft, mühelos auf einer meist ebenen Straße durch die Berge dahinrollend.Am späten Nachmittag wird das Wetter etwas stabiler und so verlassen wir Cochrane in Richtung Süden beladen nur mit Nahrungsmitteln für wenige Tage, wir wollen ja schließlich nicht weit ab von der Zivilisation. Da die Chancen gering sind, zu dieser späten Stunde noch einen Lift zu bekommen, bleiben wir gleich am Lago Esmeralda, den ich vom Hinweg als idyllische, tiefblaue, stille Wasserfläche mit Sandstränden und baumbestandenen Ufern in Erinnerung hatte, die nun aber windgepeitscht, in schäumenden Wellen über den Uferbereich schwappt. Wir finden einen schönen Schlafplatz, doch angesichts der kalten Temperaturen verschwindet jeder schnell in seinem Zelt.Auch der kommende Morgen ist frisch. Eine gute Stunde stehen wir an der Straße, bis es für uns weitergeht, dann aber haben wir Glück und gelangen zwar langsam aber zielführend in einem klapprigen LKW an den Ausgangspunkt der Wanderung. Der Fahrer erzählt uns, dass das Wetter gar nicht so schlecht sei und es im Sommer meistens bewölkt und regnerisch wie heute sei, die Hitzewellen der vergangenen Tage und die Trockenheit des gesamten Jahres seien außergewöhnlich gewesen. Nach den ersten Metern zu Fuß werden wir von Regenschauern eingeholt, marschieren, aber trotzdem entschlossen weiter. Als wir einen kleinen See passieren, bricht die Sonne hervor und wir legen Mittagsrast ein. Ein Wagen überholt uns und fährt weiter auf der staubigen Straße hinauf. Meinen Versuch zu trampen, wimmelt Romain ab, es seien schließlich nur 2 Stunden zu Fuß. Mir, der ich heute das Handy ausgeschaltet habe, um Strom zu sparen und die Navigation dementsprechend abgegeben, fällt die Kinnlade herunter. Das kann doch nicht sein: über einen Fahrweg, bergauf, bei diesem Wetter, mit schweren Rucksäcken, die eigentliche Wanderung noch vor uns, zu Fuß gehen, wenn es auch fahrend möglich wäre? Mein stummes Fluchen wird erhört, 5 Minuten später kommt ein weiteres Fahrzeug und uns wird angeboten, uns bis an das Ende des Weges mitzunehmen. Ehe Romain widersprechen kann, nehme ich dankend an. Von der schaukeligen Pickup Ladefläche ist das Fortkommen für mich unmittelbar deutlich genussvoller. Wir sind wieder tief in die Wildnis eingedrungen, auch wenn diese kleine touristische Enklave uns zumindest bisher die Einsamkeit verwehrt. Von den Tagen des schlechten Wetters sind hier alle Berge oberhalb von 1300 m tief verschneit. Auch der San Lorenzo hält sich in Wolken verborgen. Nur einen der mächtigen Gletscher, den er entsendet, können wir erahnen zwischen Regen- und Schneeschauern. Da Romain seine Aufgabe der Navigation nicht meinen Vorstellungen gemäß nachkommt, führe ich uns an der Brücke vorbei durch eine Furt, sodass wir keinen Eintritt zahlen müssen. Diesmal schöpft er keinen Verdacht und der Friede zwischen uns bleibt gewahrt. Außerordentlich schön ist die Landschaft, die wir uns nun erwandern. Über den weiten Tälern zeigen sich einsame Berggipfel, die argentinische Grenze ist nahe, die Zivilisation hingegen fern. Mit Schrecken stellen wir fest, dass hinter uns eine 30 Köpfe geführte Wandergruppe aufgetaucht ist. So legen wir einen Zahn zu und behalten die Berge vorerst für uns. So leichtfüßig kommen wir auf dem guten Pfad voran, dass Romain die Idee äußert, die Umrundung nun doch anzugehen. Ein wenig überrascht bin ich davon, hatte er doch ganz klar erklärt, dass sie ihm zu schwierig sei, doch in meiner euphorischen Stimmung darüber, das erste Mal seit El Chalten wieder richtig in den Bergen zu sein, verkünde ich, dass wir darüber nachdenken könnten, wenn wir genügend Lebensmittel haben. Augenblicke später bereue ich meine Worte. Nicht, dass ich liebend gern ein letztes großes Trekking mit Romain angehen würde, doch schon bei unserer abgebrochenen Gletschertour in El Chalten war mir klar geworden, dass er nicht geländegängig genug für diese Tour sein würde. Selbst wenn das Terrain leichter als erwartet wäre, so würden uns die Nahrungsmittel ausgehen, weil Romain im weglosen Gelände zu langsam wäre. Doch der Gedanke der Umrundung lässt mich nicht mehr los. Alle Umstände weisen darauf hin, dass es jetzt oder nie sein wird: Mein gescheiterter Versuch, die aus Deutschland mitgebrachten Nahrungsmittel, die ich für diese Umrundung aufgespart habe, eine masochistische Schinderei brachialen Ausmaßes, 2,5 Kilo über einen Monat durch die Gegend zu schleppen, ohne sie zu nutzen, nur um 160 € zu sparen, am Campingplatz in Cochrane zu deponieren, dann der LKW-Fahrer, der uns erklärte, schönes Wetter sei hier selten, nicht zuletzt die Wettervorhersage für die nächsten 14 Tage, dieses ist nämlich das einzige vorhergesagte Wetter Fenster. Noch bevor wir am Agostini Camp ankommen, weiß ich: Den für morgen geplanten Erkundungsgang werde ich mit Rucksack starten. Zurückkehren kann ich immer noch, wenn diese aus nördlicher Richtung erste und schwierigste Etappe nicht möglich ist.Romain unterdessen vollzieht, wie erwartet beim Anblick der verschneiten Flanke, die es am Folgetag zu ersteigen gelte, einen Rückzieher.

Großzügiger Weise tritt er mir einen Großteil seiner Nahrungsmittel ab. Das Camp ist schön gelegen, es gibt eine luxuriös eingerichtete Hütte, die wir aber meiden, denn die Gruppe trifft kurz nach uns ein. Romain zündet ein Feuer an und trotz des fortwährenden Schneefalls, versuchen wir, uns einen schönen Abend zu machen. Wenn ich morgen weitergehe und seine Pläne sich nicht ändern, könnte es der letzte der Reise sein. Durch zahlreiche Schwierigkeiten sind wir in den letzten drei Wochen gegangen und leider verstehe ich jetzt erst, dass ein Großteil der Spannungen zwischen uns darin bestand, dass wir nach unterschiedlichen Zielen strebten: Ich nach den Bergen, dem hochalpinen Gelände, der unberührten Natur, Romain zwar auch ebenso, doch viel mehr danach, lange Strecken in schöner Umgebung über gute Wege zu laufen. Eben dies ist in Patagonien nicht notwendigerweise im alpinen Terrain sondern viel häufiger nur dort möglich, wo man fern der beeindruckenden Berge ist. Er wünscht mir viel Glück für meine Tour, das kann ich brauchen. Ein wenig bedauern wir wohl beide, dass die gemeinsame Zeit für uns vermutlich zu Ende ist, aber keiner von uns wäre bereit, die eigenen Pläne aufzugeben und sie mit denen des anderen einzutauschen.In aller Frühe stehe ich auf, packe still mein Zelt zusammen, um niemanden aufzuwecken.

Das Wissen, wohin ich gehe, sollten nicht die falschen Personen erlangen. Bevor ich mit der Beschreibung des weiteren Weges fortfahre, muss ich den Cerro San Vacca genauer beschreiben, denn ansonsten kann man sich diesen Berg der Extreme, der selbst in dieser Gegend der extremen Berge nicht zu passen scheint, nicht vorstellen. In den südlichen Anden zwischen Puerto Montt und Feuerland gibt es eine klare topographische Regel: Die höchsten Berge sind dem Pazifik zugewandt und Teil der Inlandeisfelder, dementsprechend dick mit Eis verkrustet, eher abgerundeten Charakters und schwer zu erreichen. Bekanntliche Ausnahme sind natürlich die Gipfel um El Chalten. Doch es gibt eine weitere Ausnahme, 400 km weiter nördlich, der Cerro San Vacca, zweithöchster Berg Patagoniens, der weder eine flache Eiskuppe besitzt noch zum ansonsten niederen, wenig spektakulären Fußvolk der östlichen Anden gehört, stattdessen ebenso von dichten Wäldern umringt über gewaltige Seen und Gletscher emporstrebt. Damit ähnelt er ein wenig den 5000ern und 6000ern im nördlichen Argentinien, nur dass er sich nicht in der Atacama Wüste befindet, sondern im niederschlagsreichen und waldigen Patagonien der mittleren Breiten. Er ist ein Berg, wie aus dem Bilderbuch: Von allen Seiten vergletschert, aber trotzdem mit gewaltigen Felspfeilern und Wänden besetzt.

Die Ostwand ist über 2000 m hoch und 6 km lang. Von seiner Höhe abgesehen gleicht dieser Berg in seinen Dimensionen deutlich eher den größeren Gebirgen dieses Planeten als unseren heimischen Alpen. Es wäre reizend, ihn zu besteigen, doch dafür bräuchte es eine Expedition mit zahlreichen erfahrenen Bergsteigern, Neuland für Kletterrouten abseits des Normalweges würde sich natürlich auch finden lassen, doch das ist ein Unterfangen, das ich Wagemutigeren überlasse. Das einzig Mögliche mit meinen Mitteln ist seine Umrundung, vielleicht, wenn ich die Satellitenkarten gut genug gelesen habe. Seit Tagen schon, ich will fast sagen Wochen, schwebt die Frage, ob ich diese Route angehen soll oder nicht wie ein Damoklesschwert über den weniger intensiv gelebten Tagen der Reise. Die ursprüngliche und von mir favorisierte Route quert Gletscher relativ weit oben, über den zerrissenen Bereichen und vermeidet so die steilen Gletscherzungen und Flüsse, die aus diesen springen.

Dies ist nicht möglich ohne Partner, ohne Seil und ganz gewiss, selbst wenn Romain sich entschieden hätte, mitzukommen nicht mit seinen bergsteigerischen Fertigkeiten zu bewältigen. So bin ich also gezwungen, umzuplanen, die Route zu verlegen, weiter hinab in die Täler, mit einem umso größeren Risiko, was die Flussüberquerung angeht. Eben dadurch war der Plan geboren, die letzte Etappe von Norden zunächst auszukundschaften, doch die zuvor beschriebenen Umstände lassen mich nun die Umrundung in umgekehrter Richtung angehen, sodass das Auskundschaften gleich die Hälfte der ersten Tagesetappe sein könnte. Nicht wenige Bedenken habe ich, diese Tour alleine anzugehen, sie verläuft im Grenzgebiet, es ist zweifelsohne illegal, sich dort aufzuhalten, woraus resultiert, dass ich dort keine Menschenseele antreffen werde und bei Schwierigkeiten, welcher Art auch immer vollkommen auf mich allein gestellt sein werde. Brisanter noch, während der fünf Tage dort oben, sind mindestens zwei davon gänzlich auf Gletschern zu verbringen, zwei weitere beinhalten alpine Passüberquerung, ohne dass es einen einzigen sicheren Notabstieg gibt.
Große Flüsse verhindern, dass man über eines der drei Täler, die dieser Berg auf seiner Ostseite entsendet, in die Zivilisation gelangen könnte, ganz abgesehen davon, dass man dann im falschen Land auskäme. Ein Missgeschick passiert mir gleich 50 m vom Schlafplatz entfernt bei der Flussüberquerung: Zwar war ich schon am Vortag positiv überrascht, wie klein dieser Gletscherfluss ist, doch nicht schmal genug, um hinüberzuspringen, was ich leider erst merke, als ich im Nassen lande. Was ansonsten eher ein Grund wäre, über die eigene Tollpatschigkeit zu lachen, immerhin ist mir so etwas noch nie passiert, bedeutet nun, dass ich zumindest die ersten zwei Tage in nassen Schuhen werde laufen müssen. Nach einer halben Stunde des Steigens im Dunkeln erreiche ich das obere Ende der Moräne und um 6:00 Uhr beginnt der Morgen zu grauen. Einige erodierte Abschnitte muss ich im dichten Unterholz umgehen, bevor ich den Fuß der 800 m hohen Flanke über mir erreiche. Das obere Ende stellt jenen Pass dar, der mein Übergang ins nächste Tal sein soll. Das Geröll ist steil, lose und unter jedem meiner Schritte allzeit bereit, sich ins Tal zu ergießen. Was schon ohne Rucksack bei einer Steilheit von 40° kein Vergnügen wäre, ist mit 25 Kilo auf dem Rücken ein äußerster Kraftakt. Kaum besser wird es, als ich den Schnee erreiche. Dieser ist zu frisch, um tragfähig zu sein, mal Pulver, mal Harsch, hält er die Flanke zwar etwas zusammen, doch lässt mich dafür häufig umso unerwarteter tief einbrechen und ein oder zwei Schritte zurückrutschen. Trotzdem nähere ich mich entschieden dem Gratkamm an. Um 9:00 Uhr ist dieser endlich erreicht, die Kälte vorüber. Der San Vacca bleibt zwar unter Wolken verborgen, doch ein Vorgipfel zeigt sich dann und wann mystisch, tief verschneit und abweisend. Ich passiere die Grenze, ohne von ihr Notiz zu nehmen.

Auf argentinischer Seite ist das Wetter etwas besser, die Berge ebenso verschneit, der Blick in die Pampa verdeckt von einigen Vorbergen. Nicht minder steil steige ich auf der anderen Seite im tiefen Schnee ab, mal sind es nur 10 cm, mal ist er verweht und ich breche bis zur Hüfte ein. Als ich um eine Kuppe biege, habe ich erstmals Blick auf den Gletscher, den ich weiter unten queren muss. Dort, wo ich mir eine Passage erhofft hatte, wäre es zwar vielleicht möglich zu queren, doch die Seracs darüber machen dies viel zu gefährlich. Wenn ich das Tal erreichen will, muss ich geradewegs absteigen, das ich von oben aber nicht einsehen kann. Auf den Satellitenbildern sieht ein solcher Abstieg aber nicht sehr erquicklich bis unmöglich aus. Wenig später finde ich mich in einer steilen erodierenden Moräne wieder. Meine Flasche löst sich aus ihrer Halterung und geht binnen weniger Sekunden den Weg, für den ich eine halbe Stunde brauche, springt in immer höheren Sätzen von Stein zu Stein. Deutlich kontrollierter gelingt es mir, glücklicherweise sicher den flachen Talboden zu erreichen. Dabei bin ich mir im Klaren, dass dieser Abstieg, falls ein Rückzug nötig werden sollte, nur unter guten Bedingungen reversibel ist. Gleiches gilt für die Gletscherzunge, die ich etwas später erklettere. Dies erspart mir eine Flussüberquerung. Der Gletscher hat sich zurückgezogen, statt einer flachen Schwemmebene aber eine tiefe Klamm hinterlassen, die unmöglich zu überwinden wäre. So bleibt mir als bester Aufstiegsweg, abermals in sicherer Entfernung zu den Seracs, nur die Gletscherzunge zu erklimmen. Rasant taut das Eis und hinterlässt Eisblöcke und Kamine, über die ich die steileren Passagen vermeiden kann.

Es folgt ein kurzes Labyrinth aus Spalten, ich balanciere auf den Kämmen dazwischen, erreiche zwar bald flaches Gelände, doch frage ich mich, ob dies nun endgültig der Point of No Return ist. Zwar könnte man noch auf der anderen Seite des Gletschers absteigen, doch dies würde einen nach Argentinien führen. Mit beeindruckender Sicht auf die Eisabstürze über mir lege ich eine kurze Mittagsrast ein, um dann gleich weiter zu eilen. Soweit wie möglich will ich es heute noch schaffen. Schnelligkeit bedeutet hier oben Sicherheit. Je länger ich hier alleine herumlaufe, desto größer ist das Risiko, dass etwas wie Krankheit oder ein Wettersturz passieren könnten, beides Ereignisse, die absolut gefährlich werden.Auch auf der anderen Seite des Gletschers gibt es einige Spalten zu umgehen, dann erreiche ich, bei dieser Tour ist dies der Erwähnung wert, 300 m ebenes Terrain, über das sich unbeschwert gehen lässt. Unweit später beginnt der nächste Gletscher, das Spiel wiederholt sich, diesmal zwar mit weniger Spalten und Umgehungen, dafür aber Geröllbergen. Dahinter ersteige ich einen Pass, abermals im steilen aber gangbaren Geröll. Was schnell mit wenigen Worten beschrieben ist, benötigt Stunden, beinhaltet von Horizont zu Horizont zu marschieren. Ich habe aufgehört, die Horizonte zu zählen. Es sind zu viele dafür. An der Passhöhe angekommen, empfängt mich wieder der kalte Wind, der mich schon am Morgen hat frieren lassen.

Ich bin ziemlich unterzuckert, versuche die Strecke mit so wenig Nahrungsmitteln wie möglich zurückzulegen, um für den Fall, dass ich an einer Stelle in der Mitte des Weges umkehren muss, nicht die Nahrungsmittel ausgehen. Obwohl ich nicht langsam unterwegs bin, bin ich jedes Mal nach einem Blick auf die Karte ernüchtert. Zwar schaffe ich es noch 2 km weiter als geplant. Dies bedeutet aber immer noch, dass die morgige Etappe 12 km Gletscher beinhaltet. Hier ist der Gletscher verschneit. Die Schneeschicht ist dünn, doch die kleineren Spalten von 10-30 cm Breite sind zugeweht, sodass ich mit den Trekkingstöcken vor mir im Schnee herumstochere, immer wenn ich mir der Tragfähigkeit des Untergrundes nicht gewiss bin. Hinter einem großen Felsblock, zumindest etwas windgeschützt, haue ich mir mit dem Pickel eine flache Fläche ins Eis, groß genug, um die Isomatte darauf auszubreiten. Daran ein Zelt aufzustellen, ist nicht zu denken. Abgesehen davon, dass ich es nur schwerlich abspannen könnte, sind so große ebene Flächen auf diesem Gletscher nicht vorhanden. Seit dem Pass befinden sich zu meiner Rechten keine Wolken mehr, sie schaffen es nicht über den Grat. Folglich ist der San Lorenzo mit seiner Ostwand zu sehen: Ein Eisplateau bricht mit einer vielleicht 80 m hohen Eiswand überhängend zu dieser Seite ab, darunter noch einmal 2000 m Fels und Eis. Eiszapfen, gefrorene Wasserfälle, verschneite Platten und Felspfeiler formen dieses unfassbare Ensemble auf einer Breite von 6 km. Es mag im Himalaya höhere Wände geben, doch was mich betrifft, ist dies eine der größten, die ich je gesehen habe. In ihren Dimensionen ähnelt sie vielleicht den Südabstürzen des Kaukasus, nur dass sie viel senkrechter und breiter ist. In den Alpen sucht man ein Pendant vergeblich, so viel ist gewiss. Schon um 5 Uhr esse ich zu Abend und verkrieche mich dann erschöpft in den Schlafsack und schlafe sofort ein, ein Umstand, der für gewöhnlich zu dieser Uhrzeit nie passieren würde. Doch schon eine halbe Stunde später erwache ich frierend. Die Sonne ist hinter dem Bergkamm verschwunden, augenblicklich hat sich die Temperatur vom +15° zu 0° gewandelt. Ich krieche tiefer in den Schlafsack und ziehe die erste Lehre dieser Nacht, sie soll nicht die letzte sein: Eine simple Isomatte ist auf dem Eis nicht ausreichend. Ein Daunenschlafsack isoliert auf der Unterseite, wo das Gewicht des Körpers aufliegt, gar nicht. Eine Weile gelingt es mir trotzdem zu schlafen, doch dann erwache ich erneut. Ich blicke nicht auf die Uhr, ich weiß, es ist noch früh, Mitternacht wird noch nicht vorüber sein. Mit einem beiläufig Blick gen Himmel nehme ich den Sternenhimmel wahr. Die Milchstraße zieht sich als hell leuchtendes Band quer über ihn bis sie vom San Vacca verdeckt wird. Keine Sekunde muss ich nachdenken, um mit Gewissheit sagen zu können, und dies dürfte nach vielleicht 800 Nächten draußen Campierens etwas heißen, dass dies der vollkommenste Sternenhimmel ist, den ich je erblickt habe. Doch es ist so kalt, dass ich mir die Frage, ob ich ein Foto aufnehme, gar nicht erst stelle, mich bibbernd weiter in den Schlafsack einmummele und mit Schrecken feststelle, dass er nass ist. Alles ist von Reif überzogen, damit hatte ich auf einem Gletscher nicht gerechnet. Die Daune ist feucht und verklebt, sodass sie nicht mehr wärmt. Die noch trockene Daunenjacke bewahrt mich vor dem Erfrieren, doch der Untergrund ist so kalt, dass ich es nur noch in Kauerstellung, den Boden nur mit Unterarmen und Knien berührend, aushalte. Um 3:30 Uhr wird mir klar, dass auch dies zu riskant ist. Ich darf hier draußen weder erfrieren, noch mir eine Erkältung zuziehen, es gibt nur eine Lösung und zwar mich zu bewegen. So packe ich in klirrender Kälte meinen Rucksack und ziehe los, hoffend, dass das Licht der Stirnlampe für die nächsten 2 Stunden halten wird, denn ansonsten bin ich im Stockfinstern verloren. Auch treffe ich eine folgenreiche Entscheidung: Nach meinem Abstieg durch die Gletschermoräne gestern halte ich weder das Bachbett, das jene Moräne, die ich erklimmen müsste, durchbricht, für sicher, daran dürften sich zu viele lose Felsbrocken befinden, noch glaube ich im verpressten Sand und Lehm bei diesem gefrorenen Untergrund aufsteigen zu können. Ebenso fürchte ich, auf den Geröllbergen des Gletschers im Dunkeln navigieren zu müssen, im steten auf und ab, nie weiter sehend als 50 m. Von dem einzigen mir bekannten Begeher dieses Streckenabschnitt weiß ich, dass das Gelände auf der östlichen Seite der Moräne verhältnismäßig leicht begehbar sein soll. So sehe ich meine einzige Chance, es dort zu versuchen. Dies bedeutet dann aber, dass mein verfrühter Aufbruch, denn einmal oben auf der Moräne angelangt, ist ein Abstieg 5 km weiter zurück auf den Gletscher nicht mehr möglich, mich dazu zwingt, den Gletschersee ebenfalls auf seiner östlichen Seite zu umgehen und damit den Fluss an seinem südlichen Ende zu überqueren.Eine volle Stunde mühe ich mich den steilen Schutthang hinauf, um den Moränenkamm zu erreichen. Der Mond ist bereits untergegangen, so ist die Schwärze der Nacht undurchdringlich, und oft verschätze ich mich in den Entfernungen, umso mehr weil ich die Dimensionen dieser Gletscher hier nicht gewohnt bin. Endlich 200 m weiter oben angelangt ist das Gelände lange nicht wie erhofft und nur geringfügig besser als unten auf dem Gletscher. Andauernde Gegenanstiege müssen überwunden werden und Täler, dort wo Seitenbäche die Moräne durchbrechen, umlaufen werden. Um 6 Uhr beginnt der Morgen zu grauen und die Ostwand des San Lorenzo wandelt ihre Farbe von Weiß zu leuchtendem Rot im Alpenglühen. Kaum nehme ich mir die Zeit, diesen Anblick zu genießen, denn es wartet noch eine Flussüberquerung auf mich und diese will ich so früh wie möglich überwunden haben, wenn sie denn überhaupt möglich ist, ehe das Schmelzwasser des Tages die Flüsse anschwellen lässt. Trotz meines frühen Starts ist es noch weit bis dorthin. Ich setze mir zum Ziel bis 9 Uhr dort zu sein. Dies ist allerdings eine fast übermenschliche Aufgabe, denn dafür müssen 8 km Strecke mit einer Geschwindigkeit von vier Km/h überwunden werden, in diesem Terrain mit meinem Gepäck die Grenze des für mich Möglichen. Ich eile voran, hochkonzentriert beim Setzen jedes Schrittes. Stunden vergehen, der Horizont verändert sich mal wieder nur minimal. Das, worüber ich laufe, bleibt Geröll. Mühsam ist kein Wort, um das Fortkommen hier zu genüge zu beschreiben. Doch es gelingt! Um Punkt 9:00 Uhr stehe ich am Abfluss des Sees. Die gewaltige Eiswand spiegelt sich darin und ehe die ersten Sonnenstrahlen auf die Wasseroberfläche treffen, nehme ich mir den Augenblick für ein Foto. Sähe ich dieses, ohne den Aufnahmeort zu kennen, ich vermutete, es wäre in den höchsten Bergen der Welt aufgenommen. Zunächst bin ich beim Anblick des Flusses optimistisch. Nicht ohrenbetäubend röhrend sondern mit einem bescheidenen Rauschen entschwinden die Wasser dem See.

Auch sind es bis zum anderen Ufer nicht mehr als 12 m. Eine genauere Inspektion jedoch zeigt, dass das Flussbett in der Mitte nicht sehr flach sein wird. Ich wage einen ersten Versuch mit der Hälfte des Rucksackinhaltes, mache fünf Schritte, nähere mich der Mitte des Wasserlaufs an und merke, dass wenn ich noch einen Schritt mache, ich die Bodenhaftung verlieren könnte. Die Strömung ist zu stark, das Wasser zu tief. Hier besteht keine Chance. Die einzige Alternative besteht darin, bis dorthin zurückzulaufen, wo ich heute Morgen gestartet bin, den Gletscher auf seiner vollen Breite von fast 2 km zu queren und auf der anderen Seite bis zu einem Seitental zu gelangen, dieses im Steilgeröll emporzusteigen und so hoffentlich die Moräne am nordwestlichen Ufer zu erreichen. Ich bezweifle, dass dies an einem Tag möglich wäre.

Eine weitere Nacht auf dem Eis will ich unbedingt vermeiden, auch drängt die Zeit, irgendwann werden mir die Nahrungsmittel ausgehen und das Wetter kippen.5 m weiter oberhalb setze ich zu einem erneuten Überquerungsversuch an. Die Strömung ist hier schwächer, dafür das Wasser tiefer. Die Furt gelingt, die erste Fuhre ist drüben. Doch insgesamt muss ich den Fluss dreimal überqueren, um all mein Gepäck hinüberzubringen, so gehe ich mit leerem Rucksack zurück, stemme mich wieder gegen die Strömung. Dann wiederholt sich der Kraftakt in umgekehrte Richtung diesmal mit Kamera. Erleichtert wanke ich ans Ufer. Es ist geschafft! Nun ist die Umrundung des San Lorenzo möglich. Auch wenn der Rückweg nun zwar definitiv abgeschnitten ist, ist nicht mehr mit Hindernissen zu rechnen, ehe ich wieder die Zivilisation erreiche. Erst jetzt merke ich, dass meine Finger und Füße taub sind von der Kälte, mein T-Shirt und Pullover sind recht nass geworden. So hülle ich mich in die Daunenjacke, esse eine Kleinigkeit. Fortan werde ich mit Nahrungsmittel nicht mehr dermaßen sparen müssen, packe meine Habseligkeiten zusammen, um an einen gastlicheren Ort zu gelangen. Noch anderthalb Kilometer folge ich dem Tal abwärts, dann biege ich in das von rechts kommende Tal ab. Endlich empfängt mich wieder Wald, Vegetation, grüne Landschaft, etwas anderes als Steinwüsten. So erschöpft und ausgelaugt ich mich auch fühle, trotzdem genieße ich sehr dieses Tal aufwärts wandern zu können in dem Wissen, dass hier keine Menschen hinkommen. Es ist wild und ursprünglich, gewiss schon einmal besucht, doch das mag Jahrzehnte zurückliegen. An einer Quelle am Ufer des Flusses schlage ich mein Lager auf. Über mir thronen einige Eisgipfel mit mächtigen Gletschern. Es ist erst Mittag, doch ich döse den restlichen Tag vor mich hin, wasche meine Kleidung und Haare und versuche mich von den Strapazen der letzten zwei Tage zu erholen.So wie die Landschaft hier ist, hatte ich mir Patagonien immer vorgestellt:

Unberührt, wild und lieblich zugleich, Berge wie aus dem Bilderbuch. Anderthalb Monate hat es gebraucht, bis ich dieses Ideal gefunden habe.Aus meinem zeitigen Start am nächsten Morgen wird nichts. Ein Regenschauer zieht zu Beginn der Dämmerung über das Tal hinweg, und bis es trocken genug ist, um loszugehen, ist es 8:00 Uhr. Die erste Stunde kann ich dem Talgrund weiter über Wiesen und die Ufer des Flusses folgen. Gelegentlich sind dabei einige Waldstücke zu durchqueren, aber diese sind so kurz, dass sobald mich der Mut verlässt, meist das andere Ende in Sicht kommt. Nach einer Talwindung zeigt sich unvermittelt majestätisch der südliche Eckpfeiler des San Lorenzo. Auch auf dieser Seite türmen sich Fels und Eis 1000 m hoch und gipfeln in kühnen Zacken, ein isolierter Turm sticht 300 m hoch aus dem Grat hervor, der Schwerkraft trotzend. Wenig später komme ich an einen wundervollen See königsblauer Farbe. Noch liegt er im Schatten und entfaltet nicht seine volle Leuchtkraft. Ein wenig bedauere ich nicht hier übernachtet zu haben. Eine einzelne Südbuche steht an seinem Ufer, letzte Botin der Vegetation und Wärme des Tales. Darüber beginnen hochalpine Tundra und Geröll. Auch das Wetter wandelt sich, die Regenschauer intensivieren sich In einem letzten Sonnenstrahl leuchtet der große Gletschersee an der Grenze zu Chile, dann setzen Schneeschauer ein.

Hätte ich mehr Proviant, würde ich hier liebend gerne einige Tage verweilen. Bergsteigerische Ziele locken in allen Richtungen und wundervolle Lagerplätze würden sich in allen Ecken des Tages finden lassen. Doch ich muss zurück in die Zivilisation, bin zudem zu erschöpft, um mich auf Gipfeltouren zu begeben, auch scheint sich ein Wetterumschwung anzudeuten. Den See an seinem südlichen Ufer zu umlaufen, braucht länger als erwartet. Auch hier hat der Gletscher sich zurückgezogen und chaotische Geröllberge durchzogen von Schluchten und Wasserläufen hinterlassen. Wenig später passiere ich die Grenze und befinde mich fortan wieder in Chile. Ich bin erschöpft und komme kaum von der Stelle, lege daher eine frühe Mittagspause ein. Danach fühle ich mich wieder deutlich fitter. Kalorienzufuhr wirkt hier oben doch oft wie ein Allheilmittel.Auf einmal zeichnet sich auf einer Felskuppe über mir eine Silhouette ab. Nach einem Augenblick erkenne ich diese als Huemul. Dies ist offensichtlich nicht gewöhnt hier Menschen zu sehen und hebt in einer drohenden Geste seinen Huf, um ihn dann im Zeitlupentempo herab zu senken und einen Stein in meine Richtung zu kicken. Schon allein dies wirkt reichlich komisch. Doch dass es seinen kurzen Schwanz propellerartig dreht und der Stein mich um 20 m verfehlt, lässt die Szene sehr bizarr aussehen. Als es dann flüchtet, folge ich ihm und finde so Zugang zu einer fast ebenen Terrasse, die den Berg auf halber Höhe durchzieht und mich die Querung, die ich als so zeitraubend eingeschätzt hatte, zumindest in ihrem ersten Viertel rasch überwinden lässt.

Der zuvor noch düstere Himmel klart auf. Unter mir erstreckt sich ein weites, waldbedecktes Tal, auch dieses völlig unberührt von Menschen. Am Horizont darüber zeigen sich einige Gletscherberge, meine grobe Richtung für den restlichen Tag. Hinter mir grüßen die gezackten Felsnadeln rund um den San Lorenzo ein letztes Mal, dann verabschiede ich mich etwas wehmütig von der Sicht hinüber nach Argentinien. Ich will zurückkehren. Nun wo diese Route hier sehr viel leichter passierbar ist als die andere Seite scheint es mir, als habe ich den Weg zum Paradies gefunden, ohne dafür tagelang Gletscher und alpine Pässe überqueren zu müssen. Doch wer weiß, wie lange es dauern wird, bis es mir möglich sein wird, diesen Ort erneut aufzusuchen.

Noch immer bin ich etwas erschöpft von den langen Etappen der vergangenen Tage. So bringe ich den Rest der Querung, der größtenteils im abschüssigen Geröll oder auf Wiesenhängen zu bewältigen ist, schnell hinter mich, erreiche ein grasiges Hochplateau und treffe zu meiner großen Überraschung auf einige Kühe. Auch heute schlage ich bereits früh mein Lager auf, oberhalb zweier Seen, in der Ferne darüber ist der San Vacca zu sehen, wenn sich die Wolken um sein Haupt gelegentlich lichten.

Es ist kaum zu glauben, dass ich diesen gewaltigen Klotz nahezu vollständig umrundet habe.Etwas Sorge bereitet mir mein Abstieg für die kommende und letzte Etappe. So starte ich früh und plane spontan um. Da sich hier oben Kühe befinden, können diese nicht den steilen Waldhang hinauf gekommen sein, den ich gedachte, in kürzester Linie abzusteigen. Von daher muss es eine andere, bessere Route geben. Ich versuche mein Glück auf einem Höhenrücken, wo ich zwar deutlich länger durch bewaldetes Terrain hindurch muss, dafür aber weniger steilen Grund vorfinden dürfte. Leuchtend orange färbt die aufgehende Sonne für einen Moment die Zirren über dem San Lorenzo. Steht schlechtes Wetter an? Mich wird es kaum noch betreffen. Heute Abend werde ich wieder in der Zivilisation sein. Tatsächlich komme ich auf der umgeplanten Route recht ungeschoren davon, was Unterholz betrifft. Nur zu Beginn muss ich zwischen einigen Südbuchengestrüppen hindurch kriechen, dann kann ich einem felsigen Höhenrücken folgen, aussichtsreich über den endlosen Wäldern. Am Talgrund angelangt, treffe ich auf einen deutlichen Viehpfad, der mich zu einigen Häusern leitet, nicht aber ohne ihn auf dem Weg dorthin zweimal beinah zu verlieren. Mein Vorhaben an den Häusern nach dem Weg zu fragen, breche ich ab angesichts eines wütenden, die Zähne fletschenden Wachhundes. Immerhin finde ich aber bei meiner Flucht vor diesem verwilderte Himbeerrouten voller Früchte, eine schmackhafte Abwechslung zu meiner kargen und eintönigen Kost. Es ist fast das erste Obst und gewiss das erste Beerenobst, das ich auf diesem Kontinent verspeise. Meist ist der Pfad deutlich ausgeprägt, doch wenn er Feuchtgebiete passiert, verliert er sich völlig und ich muss im Sumpf nach der einfachsten Route suchen. 10 km flussabwärts und einige Furten später bin ich wieder am Fuß des San Lorenzo, über mir strahlen Gletscher grell in der Mittagssonne, als ich die Fahrstraße erreiche. Einige Touristen müssen sich auf dem Weg zum Gletschersee befinden, wie mich die hier geparkten Fahrzeuge vermuten lassen. Da auch ich mir diesen Aussichtspunkt nicht entgehen lassen möchte, mache ich einen Abstecher dorthin, lande aber stattdessen an einem versteckt im Wald liegenden See, sein Wasser ganze 23° warm, eine seltene Gelegenheit in diesem kalten Land zum Schwimmen. Ich fürchte, keine Mitfahrgelegenheit mehr bis in den nächsten Ort zu bekommen, so mache ich mich rasch auf den Rückweg. Nach einer Weile des Wartens gelingt es mir, mit einem niederländischen Pärchen, das mit Bergführer eine Tour an den Gletscher gemacht hat, zurückzufahren. Auf dem Rückweg zeigt uns der Bergführer, ich werde den Verdacht nicht los, dass er sich diesen Titel selbst zugelegt hat, seinen Garten. Die Erdbeer- und Salatkulturen sind beeindruckend und wahrscheinlich die Erklärung, warum hier in den Supermärkten kaum frische Ware zu finden ist: Die Menschen, die Land besitzen, bauen alles selber an, weil diese Güter ansonsten für den Durchschnittschilenen unerschwinglich wären. Mir bleibt es schleierhaft, wie es möglich ist, von einem Jahresgehalt von unter 12.000 € hier leben zu können, sind die Preise zumindest für Lebensmittel doch um ein Vielfaches höher als in Europa. In Cochrane hält mich nichts. Aber es ist spät und der einzige Ort, wo ich in den nächsten Tagen auf Internetverbindung hoffen kann. Daher übernachte ich versteckt im Wald auf dem Gelände der Rangerstation eine weitere Nacht. Nachdem ich nun völlig unverhofft die vermutlich schwierigste und schönste aller meiner bisherigen Trekkingrouten vollendet habe, ist es merkwürdig an diesen Ort zurückzukehren, wo ich so viele Stunden der Ungewissheit wie es mit der Reise weitergehen soll, verbracht habe. Fortan plane ich jedoch keine Touren mehr im Alleingang mit dem Risiko wie bei dieser Umrundung, dass der Abstieg beziehungsweise Rückweg versperrt sein könnte.Anmerkung: Einige topographische Namen wurden geändert aufgrund der Umstände vor Ort