9.b Trotz hohem Einsatz: Die Berge des Colonia Valley unerreichbar

Tobi hat mir vom Colonia Valley, wo er früher als Guide gearbeitet hat, so geschwärmt, dass ich mir die Berge dort aus der Nähe ansehen möchte, auch wenn dies vier Tage zurück nach Süden bedeutet.Gleich nachdem ich mich mit so viel Proviant eingedeckt habe, wie der Rucksack noch fassen kann, begebe ich mich auf den Weg südwärts. Unerwartet schnell werde ich von einem chilenischen Touristen mitgenommen, der mit seinem Auto im Schnitt 27 Km/h auf den Schotterstraßen fährt. Entsprechend ziehen sich die 150 km bis Rio Tranquilo, wo ich zwar eine gute Hälfte des Weges geschafft habe, aber die Nacht hereinbricht. Folglich habe ich nur wenig Vorlaufzeit um einen Lagerplatz zu finden, so verbleibe ich 20 m oberhalb der Straße zwar mit Sicht auf den wunderschönen Lago Carrera, der zu jeder Tageszeit und Lichtstimmung völlig anders aussieht, bin aber so sehr dem Wind ausgesetzt, dass ich kein Zelt aufbauen kann und die gelegentlich vorbeibrausenden Fahrzeuge auf der Straße zu hören bekomme.

Mein Ziel lockt mich und am folgenden Tag ist außergewöhnlich gutes Wetter. Da will ich keine Stunde, die ich in den Bergen sein könnte, verschenken. Deshalb stehe ich vor 8 Uhr am Straßenrand zu einer für südamerikanische Verhältnisse außerordentlich frühen Zeit. Tatsächlich gelingt es mir um 11:00 Uhr an der Fähre über den Rio Baker zu sein. Diese entpuppt sich als Floß, das an einem massiven, stählernen Tau über den breiten Strom gezogen wird. Den Fahrer eines kleinen Viehtransporters bequatsche ich mit meinen Spanisch Brocken so lange, bis er zustimmt, mich bis dorthin, wohin er fährt, mitzunehmen.

Das verkürzt mir den Zuweg gut um die Hälfte. In der brütenden Mittagshitze laufe ich zu Fuß weiter, irgendwann ertönt das erhoffte Motorengeräusch. Ein brandneuer Pickup taucht hinter mir auf. Im perfekten Englisch erklärt mir der Fahrer, dass er zwar nicht meinen Weg nehmen müsste, bietet aber nach kurzem Überlegen an, mich ein gutes Stück dorthin zu bringen. Zuvor helfe ich ihm, einige Salzsäcke auf seinen Pickup zu laden. Er berichtet mir, dass er Jurist sei, sich dann aber für ein Leben hier draußen entschieden habe: Es sei hart, aber die Natur entschädige für alles, auch wenn er große Schwierigkeiten mit den Nachbarn habe. Vor fünf Jahren habe es ein verheerendes Feuer gegeben, weil ein Nachbar auf der anderen Flussseite seine Asche im Wald abgeladen habe. Dieses habe sich rasant ausgebreitet und den Rio Baker übersprungen. Die Kiefernplantagen auf der anderen Seite des Flusses wirkten als Brandbeschleuniger und hätten dem Feuer beinah erlaubt, Cochrane zu erreichen. Er berichtet mir auch, dass man sich bis vor nicht allzu langer Zeit in diesem Land habe Grund aneignen können, indem man den Wald nieder gebrannt habe und sich dann bloß noch als Besitzer im Grundbuch habe eintragen lassen müssen. Brandrodung gebe es noch immer, dabei wachse das Gras für die Rinder unter Bäumen besser und wenn man Chemikalien für die Landwirtschaft nutze, könne man das Wasser nicht mehr trinken, dann werde alles ohnehin sinnlos. Ich bin erstaunt über diese progressive Haltung. An einem Tor hält er an, das Grundstück seiner Nachbarn will er offensichtlich lieber nicht befahren. Zum Abschied meint er, vor drei Tagen sei hier eine Expedition durchgekommen.

Alleine würden es die wenigsten versuchen und ohne Boot sei es ohnehin kaum möglich. Meinem Ziel abermals 10 km näher laufe ich beschwingten Schrittes das Tal aufwärts. Am Horizont sind Ausläufer des Eisfeldes und einige ferne aber doch imposante Felspitzen aufgetaucht. Zahlreiche kleinere Flüsse muss ich furten, dann erreiche ich das letzte Gehöft, das scheinbar verlassen ist und schlage mich dort in den Wald. Nach wenigen 100 m suche ich mir am Fluss einen Platz zum Zelten. Es ist spät genug und ehe ich in die steile Schlucht über mir hineingerate, will ich ausgeruht sein. Um Brennstoff zu sparen, koche ich auf dem Feuer. Beim Anzünden bin ich schockiert, dass bloß als ich ein Feuerzeug an die Ästchen halte, eine Stichflamme aus diesen hervorschießt als wären sie Benzin getränkt. Die Worte des Farmers sind mir noch lebhaft in Erinnerung.Obwohl ich schon am Vorabend gesehen hatte, was mich erwarten würde, war es mir irgendwie gelungen, meinen Optimismus zu bewahren.

Aber nun schwindet er zusehends mit jedem weiteren Meter, den ich mich tiefer in den Wald hinein wage. Natürlich weiß ich, dass es Wälder gibt, die schlicht unpassierbar sind, auch dass es diese in Patagonien gibt, doch die Berge locken. Das, was mich da oben erwartet, könnte ein zweiter Bugaboo sein. Jedem, dem dieser ein Begriff ist, wird wissen, dass er das Äquivalent an Perfektion hinsichtlich Schönheit von Granitbergen wie alpinem Klettern ist. In der ersten Stunde schaffe ich 600 m Strecke. Berücksichtigt man die Beschaffenheit des Terrains ist das viel.

Bei jedem Schritt bin ich dazu gezwungen, mich durch ein Dickicht zu wühlen, über umgestürzte Bäume zu klettern und all dies an einem etwa 40° steilen Abhang, der unter mir in den schäumenden Fluss mündet und über mir kein Ende zu finden scheint. Ich überwinde einen Erdrutsch, kann Einblick auf den oberen Verlauf des Tales erhaschen. Der steilste Teil ist ganz klar der erste, vielleicht die Hälfte davon habe ich schon überwunden. Doch die zweite Hälfte ist ohne jeden Zweifel noch ruppiger als die erste. Bachbetten müssen überwunden werden. Teils sind sie so steil, dass ein Weiterkommen nur möglich ist, wenn ich mich an den Stämmen an ihren Seiten hinabhangele. Entlang einer Felswand quere ich, steige eine Steilrinne ab und sehe, dass mich auf der anderen Seite ein ebenso steiler Aufstieg erwartet. Mein Stock bricht durch und ich habe schlussendlich genug. Bis zur Waldgrenze sind es noch 10 km, etwas mehr als einen Kilometer habe ich geschafft. Nicht nur ein einziges unüberwindbare Hindernis hält mich auf sondern schlicht die Summe aller für sich überwindbaren Hindernisse zusammen. Wenn ich dieses Tal bis zu seinem Ende aufstiege, bedürfte es allein, um den waldigen Teil zu überwinden, 20 Stunden. In eine solche Abgeschiedenheit kann ich nicht verantworten, mich mutterseelenallein zu begeben. Für ein derartiges Unterfangen willige Begleiter zu finden, halte ich zwar ebenso für nahezu ausgeschlossen, doch mir bleibt nichts als die Umkehr, fast schon Flucht will ich es nennen, hinaus aus dieser grünen Hölle, wo jeder Meter hart zurückerobert werden muss. Als ich wieder halbwegs gangbaren Untergrund vorfinde und eine knappe Stunde abgestiegen bin, stelle ich fest, dass sich mein Eispickel vom Rucksack verabschiedet hat und fluche laut. Ich hänge an ihm, habe ich mit ihm doch Bergsteigen gelernt und brauche ihn noch für weitere Touren. Jedoch ist es unwahrscheinlich einen Eispickel, der sich in seiner Farbe kaum von den Ästen unterscheidet, in diesem Unterholz wiederzufinden. Grenzt es doch an Unmöglichkeit, hier zweimal den gleichen Weg einzuschlagen, während die Sicht maximal 2 m beträgt. Es hilft nichts, ich muss wieder hinauf und ihn suchen. Eine Stunde lang klettere ich hektisch ohne Rucksack zwar etwas leichter, aber noch immer äußerst beschwerlich, den Hang hinauf und finde nichts. Im Abstieg zurück nehme ich mir vor, stets den leichtesten, logischsten Weg einzuschlagen, in der Hoffnung, dass ich ihn auch zuvor gewählt habe, als ich den Eispickel verloren habe. Tatsächlich, als ich schon fast dagegen stoße, sehe ich ihn in einem Baum hängen.

Wenn es eines gibt, dass ich augenblicklich nicht mehr gewillt bin zu tun, sind es Weglos-Eskapaden im patagonischen Unterholz. Doch bin ich zwei Tage hierhin getrampt und dann noch einmal 20 km in das Colonia Tal gelaufen, um diesen Ort zu erreichen. Bei diesem Aufwand möchte ich mich nicht so leicht geschlagen geben. Daher fasse ich den Plan, in einem Seitental unterhalb abermals mein Glück zu versuchen, werde aber vorerst vom Regen unterbrochen und verbringe den restlichen Tag im Zelt, froh nun nicht dort oben im Wald, auch noch bei Nässe meinen Weg finden zu müssen.In dem Seitental, wo ich es am folgenden Tag probiere, stehen meine Chancen besser, so meine Überlegung, weil ich insgesamt bloß 4 km zu überwinden habe, ehe ich auf die Waldgrenze treffen kann. Anfangs folge ich dazu dem Bachbett, doch dieses wird bald ebenfalls zur Schlucht, die ich linker Hand verlasse. Nach insgesamt 300 m gebe ich auf. Hier ist es nicht der Wald, der mich aufhält, sondern mannshohes Dornengestrüpp. Wie fast überall in den Gegenden, wo Straßen oder Viehweiden nahe sind, ist der Wald abgebrannt. Was nachwächst ist dornige, niedrige Vegetation. Hier aber ist sie zu hoch, als dass ich hindurch kommen könnte. Gerade zu lächerlich wirkt es, an 3,7 km nicht sonderlich steilem Gelände zu scheitern. Äußerst sonderbar beziehungsweise ärgerlich ist auch, dass von den zwölf Tagen guten Wetters, die ich in den letzten zwei Monaten erlebt habe, acht auf jene Tage fielen, an denen ich fern der Berge von einem Massiv ins nächste wechselte, so auch heute. Da Mitfahrgelegenheiten auf den ersten zwei Dritteln des Weges ausbleiben, bleibt mir nichts anderes übrig als 25 km in der Hitze unter praller Mittagssonne über die Straße zurück in Richtung Zivilisation zu laufen. Die Füße schmerzen, der Rucksack drückt, am schlimmsten aber: Das Ganze erscheint mir absurd unnötig. Mit einem Auto könnte man hier problemlos 70 Km/h fahren, mehr noch auch mit einem Auto bräuchte man sich gar nicht in diese Gegend begeben, zumindest wenn man die Absicht hat, hier auf Berge zu steigen. Ohne ein Boot, mit dem man den Rio Colonia hinauf kann, ist dies nicht möglich. Dies weiß ich leider erst jetzt. Da hätte Tobi etwas deutlicher in seinen Angaben sein dürfen. Immerhin, die Route hatte ich ausgearbeitet, dies kann ich ihm nicht vorwerfen. Dass ich aber nicht der erste bin, der an dieser scheitert, diese Information hätte ich gerne früher gehabt.Nicht viel besser ergeht es mir, als ich nach 25 km mit 28 kg auf dem Rücken in 5 Stunden die Carretera Austral, für die erste Hälfte des Tages das sehnlich herbei gewünschte Ziel, erreiche und feststelle, dass es auch hier nicht einfach mit dem Trampen ist. Auch wenn es hier im Gegensatz zu der vorherigen Dirt Road genügend Verkehr gibt, werde ich nicht mitgenommen. Doch noch immer ist es heiß, ich habe kein Wasser mehr, und die Nacht naht in großen Schritten. Nach einer Weile beschließe ich, dass meine Lage so misslich wird, dass ich Fahrzeuge anhalten sollte. Auch wenn ich keinen Lift bekomme, sollte ich zumindest nach Wasser fragen können. Dabei mache ich die unerfreuliche Erfahrung, dass es nicht einfach ist, ein vorbeifahrendes Auto anzuhalten. Die Straße hat ungefähr zwei Fahrbahnbreiten. Zu winken, sich die Sonnenbrille auszuziehen und sich in die Mitte zu stellen hat den Effekt, dass ich vermutlich noch bedrohlicher wirke, als ich es als wilder Tramper ohnehin schon tue, mit der Folge, dass man in riskanten Manöver um mich herumkurvt. Dreimal wiederholt sich dies und ich gebe schon die Hoffnung auf. Da hält unerwartet ein Fahrzeug auf der Gegenseite und der Fahrer fragt, ob alles in Ordnung sei. Wasser kann er mir keines geben, aber immerhin einen Liter Fruchtsaft. Damit werde ich die Nacht wohl überstehen können. So kehre ich vom Versuch, Fahrzeuge anzuhalten, wieder zum Trampen zurück. Irgendwann finde ich einen Pickup, auf dessen Ladefläche ich steigen kann und komme ein gutes Stück weiter. Leider hält dieser an der Grenze des Patagonia Nationalpark an. Ich habe natürlich keineswegs die Absicht, Eintritt zu zahlen und mich zu registrieren, marschiere also schnurstracks weiter in Richtung meines Zieles, um gerade noch zu sehen, wie mein vorheriger Lift an mir vorbei in meine Richtung fährt. Nun rächen sich meine schlechten Spanisch Kenntnisse und damit die fehlenden Kommunikationsmöglichkeiten. Da ich zu dieser späten Stunde nicht mehr viel Verkehr erwarte, laufe ich noch zwei weitere Kilometer auf der Straße, um dann oberhalb des Lago Cisnes in der steppenartigen und sehr staubigen Landschaft mein Zelt aufzuschlagen, nachdem ich eine Fläche dafür von den hier omnipräsenten stacheligen Sträuchern befreit habe. In der Ferne glänzen die Schneegipfel des Eisfeldes silbrig in der letzten Abendsonne. Dort hatte ich hingewollt. Sie gelten als eines der exklusivsten bergsteigerischen Ziele weltweit – zurecht.

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