Endlich komme ich zum Klettern, wenn auch nicht im besten Gelände

Tobi ist ein ziemlich schräger Vogel, der in jedem Geschäft, in das er geht, erst mal überschwänglich des Personal begrüßt und ein Gespräch beginnt. Zunächst geht es zwischen uns kaum über Smalltalk hinaus, der dann eher recht einsilbig verläuft. Dies ändert sich aber mehr und mehr. Nach der Tour wird er mich sogar zu sich in die USA einladen.

Wir entscheiden uns, die nächsten Tage eine Kletterei am Cerro Chocolate anzugehen. Für die Nacht lädt er mich auf den Campingplatz ein. Das ermöglicht mir zwar, die Küche zu nutzen, sodass wir uns ganz nach amerikanischer Art Hamburger bereiten können, doch für mich ist es äußerst ungewohnt, mein Zelt mitten in einem Ort aufzuschlagen mit Hundegebell und Motorengeräuschen die ganze Nacht hindurch sowie lauter Menschen, die meine Habe stehlen könnten. Der Eispickel liegt zur Selbstverteidigung zwar allzeit bereit, aber dieser reichlich komischen und peinlichen Szene würde ich lieber nicht beiwohnen müssen, wie ich aus Furcht beraubt zu werden aus dem Zelt spränge und dabei möglicherweise noch beobachtet würde. Meine Frucht ist nicht aus Paranoia geboren, sondern einzig aus dem Umstand, dass ich seit zwei Monaten die erste Nacht nicht in absoluter Einsamkeit zelte.

Auch dieser Tag bringt uns nicht das perfekte Wetter. So starten wir erst um elf Uhr. Glücklicherweise klappt das Trampen zum Ausgangspunkt sehr gut und erspart uns 6 km Fußmarsch. Um das Eingangstor in den Nationalpark schleiche ich mich herum und erspare mir so den empfindlich teuren Eintritt. In den hohen Bergen regnet es, nur die scharf geschnittenen Konturen des Cerro Palo können wir für einen Moment zwischen den Wolken ausmachen. Die Berge hier sind spitz, ihre Grate von zerrissenen Zacken geprägt, doch was die Kletterqualität des Gesteins anbelangt habe ich schon aus der Entfernung meine Zweifel. Ich kann Tobi zum Wildcampen überreden. So campieren wir direkt am Fuß der Flanke, die uns am kommenden Tage zum Einstieg leiten wird. Er hat die Route schon einmal im Alleingang probiert und nicht nur einiges an Material beim Rückzug dort gelassen, sondern auch seine Eisaxt verloren. Als wir am nächsten Morgen aufsteigen, gelingt es mir tatsächlich die Nadel im Heuhaufen beziehungsweise die Eisaxt im Blockfeld zu finden.

Durchaus elegant baut sich die Wand über uns auf, nur eine logische Linie zum Klettern durch sie hinauf zu finden erschließt sich mir aus dieser Perspektive nicht. Wie auch immer, Tobi kennt den Einstieg, und dieser erweist sich auch als jene Stelle, auf die ich ohnehin geradewegs zugesteuert bin. Wir klettern in Wechselführung, er überwindet in einer ersten leichten Seillänge den Vorbau, dann wartet auf mich eine Verschneidung im oberen fünften Grad, die noch halbwegs passablen Fels bereithält. Dies ändert sich aber in folgenden Seillängen. Ich traue dem Gestein nicht. Nicht dass alles lose wäre, doch lässt sich die Festigkeit schwer einschätzen, und so ist man häufig gezwungen, kleinere Griffe zu wählen, weil die größeren und besseren etwas hohl klingen. Nicht sonderlich schnell überwinden wir zwei weitere Seillängen im sechsten Grad, dann quere ich nach links heraus, weil die Wand über uns zu kompakt wird. Folglich hat Tobi einen 20 m hohen Riss zu überwinden, mit dem er volle anderthalb Stunden zu kämpfen hat, weil das Gestein etwas nass ist und die Schwierigkeiten mit 6 bis 6+ an seinem Limit liegen. In einer leichten Seillänge ohne sonderlich viele Zwischensicherungen, dort wo wir einen Absatz erwartet hatten, befinden sich lediglich glatte, abweisende Platten, erreiche ich das obere Ende des unteren Wanddrittels. Eine geschlossen wirkende senkrechte Wand in der Sonne gräulich schimmernd baut sich über uns auf. Nur zwei Risse führen durch sie hindurch und auf diese sind wir ja angewiesen, da wir die Route gänzlich selbst absichern müssen. Der linke ist von Flechten und Moosen verstopft und entschwindet bald unseren Blicken, somit kommt dieser nicht infrage. Der rechte ist sauberer, aber auch steiler und erfordert eine Querung von 15 m ohne allzu viele Zwischensicherungen, um zu seinem Beginn zu gelangen. Für diesen entscheide ich mich, kann die Querung ohne größere Schwierigkeiten hinter mich bringen, doch am Riss angelangt, stelle ich fest, dass dieser deutlich weniger festen Fels bereithält, als erwartet. Zudem kann ich keine vernünftige Sicherung legen, schiebe das Ende eines Klemmkeils an kleinen Felsnoppen über und platziere einen Friend hinter einer Schuppe, der ich nicht wirklich mehr vertraue. Zwei unangenehme Meter im sechsten Grad höher erreiche ich dann endlich den anvisierten Riss, dieser aber trennt einen abgespaltenen Felsturm von der Wand und je nachdem wie viel Spreizwirkung man auf ihn auswirkt, so meine Furcht, könnte der Turm sich gänzlich lösen. Auch wenn ich in eben dieser Passage den ersten und einzigen Schlaghaken der Route entdecke, muss sie also zweifelsohne hier entlangführen. Dennoch ist mir diese Strecke zu heikel. Ich klettere volle 20 m mit den ebenso mittelmäßigen Zwischensicherungen wie im Aufstieg ab und wir umgehen die Wandstufe zu ihrer rechten, nicht ohne dass Tobi im Nachstieg einen großen Felsblock abtritt. Anschließend leitet uns ein Riss, ausnahmsweise einmal in festem Fels an den Sockel des Gipfelaufbaus. Letzterer ist eindeutig zu steil für uns und soll nur im Grad 6c zu erklettern sein. Ich habe meine Zweifel, so rissarm und geschlossen wie das Gestein wirkt, ob dies bei solider Absicherung möglich ist. Die zwei Seillängen im Mittelteil haben uns viel Zeit gekostet, es ist bereits 3 Uhr. So dränge ich darauf, dass wir über eine Rampe nach links die Wand möglichst schnell verlassen. Durch alpines Schrofengelände führe ich uns rasch an das Ende der Wand zu einem kleinen Pass, von wo wir zum Gletscher absteigen können. 

Unsere nähere Umgebung ist durchaus spektakulär, schwarze gezackte Felsspitzen, noch schmiegen sich einige steile und zerrissene Gletscher an ihre Flanken. Gegenüber steht der Cerro Castillo, doch da auch er aus dem gleichen Gestein besteht, wirkt mir der Name unpassend und sollte von Schloss eher zur Ruine abgewandelt werden. 

In einer zu Beginn 55° steilen Schneerinne klettern wir so weit wie möglich ab, müssen einmal abseilen, dann sind wir auf dem Gletscher. Die ersten Meter können wir elegant hinabgleiten und kleinere Spalten dabei überspringen, Tobi erweist sich als exzellenter Skifahrer, weiter unten geht es über blankes Eis hindurch zwischen gigantischen von oben herabgestürzten Felsbrocken. Wiederholen muss ich eine Kletterei in diesem Gebiet definitiv nicht. Die Berge fallen an allen Ecken und Enden auseinander. Müde erreichen wir unser Camp, wo wir eine weitere Nacht verbleiben und am nächsten Morgen absteigen.

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