7 Rucksack und Zelt: So ein Mist!

Am nächsten Morgen sind wir ab 9 Uhr in O Higgins, das vielleicht 150 Häuser umfasst und suchen nach einem Supermarkt und einer Werkstatt, wo ich mein Rucksackgestänge hingeben kann, um es hoffentlich reparieren zu lassen. Die kleine Ortschaft scheint so gar nicht hierher zu passen mit ihren breiten Straßen und Gehwegen, dazwischen gepflegtem Grünstreifen, Parkanlagen und überdimensionalen hölzernen Monumenten. Zu dieser Tageszeit, auch ansonsten kaum weniger, wirkt es ziemlich verschlafen, wir treffen kaum eine Menschenseele auf den Straßen, warten eine Stunde vor dem Supermarkt, der dann verspätet öffnet und mir eine defekte Simkarte verkauft. Das bedeutet dann kein Internet für die nächsten Wochen. Als ich gerade loslege, der Verkäuferin die Meinung zu sagen, denn nun stehe ich ohne Simkarte da und mein Geld bekomme ich auch nicht zurück, beginnt Romain, sich für mein Verhalten zu entschuldigen. So wiederum komme ich natürlich nicht weiter. Das nächste Geschäft, wo ich in einigen Tagen oder Wochen hoffentlich erfolgreicher sein werde, liegt ganze 300 km weiter nördlich. In einer Fahrradwerkstatt versichert man uns dann, den gebrochenen Stift des Gestells löten zu können, dafür müssen wir aber bis zum Abend warten.

So begeben wir uns an den Fluss und harren an einer mittelmäßig schönen Stelle im Schatten aus. Wenigstens lässt sich die Zeit nutzen, um die verdreckte Kleidung und uns zu waschen. Am Abend hole ich den Rucksack ab, zunächst voller Hoffnung, doch schon beim Einsetzen des Gestells bricht es an der gleichen Stelle wieder. Es stellt sich heraus, dass sie es in der Werkstatt nur geklebt haben, was bei einer so geringen Auflagefläche nicht halten konnte. Sehr rührend hilft mir Romain, etwas mehr Kenntnisse als ich besitzt er als ehemaliger Fahrradmechaniker, Zeltheringe zu verbiegen und mit Tape eine Notlösung zu basteln. Uns beiden ist von Beginn an klar, dass diese kaum etwas für die Dauer sein kann und mir steht eine zweite Nacht mit schlechtem Schlaf und Unruhe bevor, denn ich bin inzwischen ziemlich mitgenommen von der Situation. Ohne Rucksack keine weiten Touren, ohne weite Touren keine Berge, ohne Berge und Einsamkeit macht die Reise keinen Sinn.

Der nächste Tag beginnt ganz in diesem Sinne wenig erquicklich. Während Romain zehn Jahre altes Decathlon Billigzelt schon im Sturm besser performt hat als mein 1200 € Hilleberg Zelt, bin ich nun schockiert, dass ich in einer Pfütze aufwache, der Schlafsack nass bis auf die Haut, was mich schon im Morgengrauen frieren lässt, derweil Romains Zelt aber vollkommen trocken ist. Da wir etwas tun müssen, dafür sind wir ja schließlich hier, laufen wir in den Rio Mosco Park. Die ersten Meter sind eindeutig touristisch übererschlossen: Die Identität wird am Eingang abgefragt, damit auch ja keiner verloren gehen kann, dann geht es über Holztreppen und Stege empor, alle Dutzend Meter steht eine Hinweistafel, die Romain sehr zu meinem Leidwesen ausführlich studiert. Mein Rucksack fühlt sich an wie ein Sack, der nur lose geschultert ist, Gehen wie Stehen ist unangenehm. Auf den ersten Kilometern ist der Wald abgebrannt, er beginnt zwar nachzuwachsen, aber so ist die Vegetation wenig attraktiv. Wir erreichen eine Schulter im Berghang, wo wir etwas Sicht haben auf die Täler und Berge um uns herum. Wild ist diese Gegend, ihre bewaldeten Täler und Schluchten spektakulär, die Berge Schotterhügel, manchmal von einigen Gletschern geziert. Unzugänglich sind sie alle. In dieser Hinsicht dürfte unser Pfad eine Ausnahme in diesem gesamten Teil der Anden zwischen O Higgens und Cochrane darstellen.

Uns auf unsere Karte verlassend geraten wir auf den alten Weg, der inzwischen sehr von Erosion betroffen ist, und müssen einige Schuttreißen (steile Halden aus Lockergestein unter einer Felswand) mühsam durchklettern, um dann sehr überrascht, wieder auf einen breiten Karrenweg zu stoßen. Inzwischen haben wir die Zone, in der es gebrannt hat, hinter uns gelassen und wandern nahe der Talsohle unter den eindrucksvollen Bäumen aufwärts. Die Südbuchen werden hier ergänzt durch Coihue, gigantische Baumriesen, die bis zu 2000 Jahre alt werden können, aber schon in jüngeren Jahren 40 m Höhe erreichen. Die Vegetation ist hier ganz anders als 100 km weiter südlich. Offensichtlich ist es feuchter, die Artenvielfalt ist größer, der Boden bedeckt von Moosen und Farnen wie niedrigem Buschwerk. Eine Strauchart, die gerade in den schillerndsten Magentatönen voll in Blüte steht, hat es uns besonders angetan. Dann aber beginnt es zu regnen. Eine Stunde laufen wir durch den Regen, werden ziemlich nass, dann endlich erreichen wir die Hütte, die zumindest einen trockenen Unterstand bietet und sich kostenfrei nutzen lässt. Den Nachmittag verbringen wir damit, unsere beziehungsweise vor allem meine Ausrüstung zu trocknen, was kein sehr erfolgversprechendes Unterfangen ist bei diesen Wetterbedingungen.

Gegen Abend bessert sich das Wetter und Romain möchte noch zu einem Aussichtspunkt auf den Gletscher hinauf laufen. Da ich keine seriösen Argumente dagegen finde, willige ich ein, wenn auch meine Lust auf jegliche Exkursionen klare Grenzen kennt: Wenn wie beabsichtigt das Gepäck zurückbleibt könnte es derweil gestohlen oder von Mäusen zernagt werden. Wenigstens können wir so unbeschwert aufwärts schlendern, wobei es für mich eher ein missmutiges Stapfen ist, was sonderbarerweise auf den etwas unwegsamen Pfaden immer noch schneller ist als Romains Gang. Er ist lange nicht so schnell unterwegs wie vor zwei Jahren in den französischen Alpen, was mir zwar ganz recht ist, was aber im weglosen Terrain bedeutet, dass ich sehr viel Zeit damit verbringe, auf ihn zu warten.

Eine Schlamm- und Gerölllawine hat den Talgrund verwüstet, der neu markierte Weg wurde weitgehend außen herum durch den Wald gelegt. Unerwartet quert dieser dann einen Seitenbach, und erklimmt danach eine immer steiler werdende waldige Flanke. Als Weg lässt sich dies nicht mehr bezeichnen, es gibt nur Farbmarkierungen in regelmäßigen Abständen und einen schwach gebahnten Trampelpfad. Die wenigen Sonnenstrahlen verschwinden und als wir am Aussichtspunkt ankommen, ist es kalt und windig. Immerhin lässt sich eine Zunge des Gletschers erkennen. Bestimmt wäre es spannend, hier zu zelten und bei schönem Wetter am nächsten Tag in die höheren Gipfelregionen vorzudringen, denn den ansonsten so unüberwindbaren Vegetationsgürtel haben wir an dieser Stelle hinter uns lassen können. Dafür aber müsste mein Rucksack funktionsfähig sein. Doch so dränge ich auf einen baldigen Abstieg. Wieder an der Hütte angekommen, nun bei besserem Wetter, stellen wir fest, wie schön sie gelegen ist. Einige uralte Bäume bilden ein schützendes Kronendach, licht genug, um die letzte Abendsonne hindurchzulassen. Ihre Stämme erzählen die Geschichten von Jahrtausenden, sie müssen die ersten Menschen gesehen haben, die in diese wilden Winkel vorgedrungen sind. Zahlreiche Brände, Rodungen und touristische Erschließung haben sie überdauert.

Wir fürchten Regen, so steigen wir am nächsten Morgen zeitig ab, melden uns im Park ab, kaufen in einem Supermarkt ein, der den bisherigen preislichen Gipfel darstellen könnte und nutzen noch einmal das Wi-Fi der Bücherei, denn es dürfte das vorerst letzte Mal sein, dass wir übers Internet Verbindung zur Außenwelt aufnehmen können. Das Trampen gestaltet sich schwierig.

Bis zu einem ersten See kurz hinter dem Ort werden wir zwar schnell mitgenommen, dort warten wir aber 3 Stunden und zehn Autos fahren vorbei, ohne anzuhalten. Am frühen Abend haben wir dann schließlich Glück. Ein gigantischer Pickup hält, und die beiden Chilenen nehmen uns noch bis hinter die Fährverbindung mit.

Luxuriös ist das Reisen mit Auto, denke ich wieder einmal. Wunderschöne Landschaft zieht am Seitenfenster vorbei. Gerne würde ich Fotos machen, länger verweilen, doch es nieselt und wir wollen unseren Lift nicht aufhalten. Wir sind uns einig, dass es eine der schönsten Landschaften ist, durch die wir je gefahren sind. Wind gepeitschtes Hochland, Canyons, bedeckt mit Urwald und Gletscherberge wechseln sich ab, durchzogen von wilden Flüssen und stillen Seenlandschaften. Glücklicherweise ist die Fähre kostenlos, sie bringt uns über einen Fjord des Pazifik. Fast zwölf Jahre ist es her, dass ich das letzte Mal an den Ufern dieses gewaltigen Meeres stand. Hier aber wirkt es eher wie ein See, das Wasser ist ohne jede Spur von Salz und trotz des schlechten Wetters fehlt jeglicher Wellengang. Romain fürchtet bei der Schlafplatzsuche ins Dunkle zu kommen, letztlich ist es auch sinnvoll, dass wir mit dem letzten Licht noch einen Platz finden können, der wenigstens ein halbes Dutzend Meter von der Straße entfernt ist. Dies gestaltet sich vermutlich gar nicht einfach, weil die Vegetation so dicht ist. An einer Brücke lassen wir unsere Fahrer anhalten. Diese sind nicht wenig erstaunt, dass wir uns hier absetzen lassen, bieten an, uns bis in die nächste Ortschaft mitnehmen zu können, wo sie ein Hostel gebucht haben. Das lehnen wir ab, wir wollen in die Wildnis, dafür sind wir ja schließlich hier. Zum Abschied beschenken sie uns mit Nahrungsmitteln. Lange müssen wir nicht nach einem flachen Platz suchen, wir bleiben unter der Brücke. Das Ziel in einem halben Dutzend Meter Entfernung zur Straße zwar verfehlt, sind wir dort regengeschützt und müssen unsere Zelte zu dieser späten Stunde nicht aufbauen. Der Fluss rauscht ohrenbetäubend. Trotzdem schlafe ich gut abgesehen von einigen Unterbrechungen, als mir Regentropfen ins Gesicht geweht werden.

Romain ist am nächsten Morgen nicht sonderlich guter Stimmung, meint wir wären nicht hier, um unter Brücken zu schlafen. Das Wetter ist bescheiden und auch ich brauche eine Weile, um aus dem Schlafsack herauszukriechen. Dann aber entdecken wir einen Pfad, der in das Tal über uns führt und vielversprechend aussieht.

Entlang der Carretera Austral ist der Großteil des Waldes abgebrannt. Dichtes Buschwerk wächst zwar in dem feuchten Klima innerhalb weniger Jahre wieder nach, doch die großen schattenspendenden und das Unterholz etwas im Zaum haltenden Bäume brauchen Jahrhunderte, wenn nicht Jahrtausende, wenn sie einmal verschwunden sind, um wiederzukehren. Infolgedessen kann man die Straße nur dort verlassen, wo von Menschen gebahnte Wege bestehen. Nun, wo wir einen solchen zufällig gefunden haben, wollen wir ihm soweit wie möglich folgen. Geschickt überwindet der Pfad eine steile Felsstufe und führt fortan entlang eines türkisfarbenen Flusses durch eine Schlucht. Die Landschaft erinnert an Korsika, sowohl die gerade mannshohe Vegetation mit ihren  Dornen und intensiven Gerüchen wie farbenfrohen Blüten als auch die Berge und der Fluss neben uns. Unerwartet stoßen wir auf ein Haus, das offensichtlich bewohnt ist. Romain möchte dort nicht weitergehen, da er Privatgrund nicht betreten will. Ich erlaube mir, die Behauptung aufzustellen, dass die Landstriche, die sich in diesem Land an Straßen befinden mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit entweder Privatbesitz oder Nationalpark sind. Bekanntlich sind in diesem Wandern wie Übernachten abseits der dafür vorgesehenen Stellen verboten, ohne dass wir uns aber davon abhalten lassen müssen. Zwar könnte ich alleine weitergehen, doch Romain an der Straße warten lassen, will ich auch nicht.

Da ich mit meinem kaputten Rucksack ein schlechter Tourenpartner bin und Romain eine längere Strecke laufen möchte, beschließen wir, uns zu trennen. Während er über die Straße in den nächsten Ort läuft, werde ich ein paar Tage in Ruhe verbringen und versuchen, meinen Rucksack zu flicken sowie gegebenenfalls einige kurze Wanderungen zu unternehmen. Eine volle Stunde warte ich, bis ich beim Trampen mitgenommen werde und dann ist es auf einer so hoch beladenen Pritsche eines Pickups, dass mir anfangs auf der Schotterstraße bei 70 Km/h in den Kurven etwas unwohl wird. Die Aussicht ist von hier aber definitiv besser als von der Rückbank eines jeden Fahrzeugs. An einem See lasse ich mich absetzen, mit dem Plan, dort mein Lager aufzuschlagen. Dies aber scheitert nicht nur daran, dass ich kein Trinkwasser zu Verfügung habe, sondern auch an ausgedehnten Sumpfgebieten, die es mir unmöglich gestalten, bis ans Seeufer zu gelangen. Etwas weiter unterhalb am Flusslauf finde ich trotzdem einen schönen Platz, über mir genau jene Berge, die ich hatte ersteigen wollen. Steil zieht sich die Flanke 2000 m hoch bis zu ihren Gipfeln, bestehend aus Granit und einigen Gletschern. Mal wieder bin ich erstaunt, wie gut es mir während der Planung gelungen ist, schöne Plätze ausfindig zu machen. In 100 km Umkreis sind dies die einzig zugänglichen Berge, die diesen Grad an landschaftlicher Attraktivität erreichen, nur, dass sie für uns unter diesen Umständen unzugänglich bleiben.

Den restlichen Nachmittag verbringe ich damit, ein neues Gestell für meinen Rucksack zu basteln.

Nach Stunden des Schnitzens, die Haut an meinen Fingern wirft Blasen, habe ich einen 10 cm dicken y-förmigen Ast endlich auf die Breite eines Fingers reduziert und in den Rucksack eingesetzt. Jetzt bin ich vorsichtig hoffnungsvoll, dass dies ausreichend könnte, um wieder Bergtouren zu wagen. Den langen Abend nutze ich, um mir ausnahmsweise einmal eine gute Mahlzeit zu bereiten. Das bedeutet eine frische Tomate, Pasta und gerösteten Knoblauch.

Einmal mehr grüble ich darüber nach, wie es in den nächsten Tagen und Wochen weitergehen soll, komme aber nur zu dem Schluss, das alles an der Funktionalität des Rucksacks hängt.

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